Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

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Archive for Oktober, 2011

Zahl des Monats: Eine Yacht für 3,5 Milliarden Euro kaufen?

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Für 3,5 Milliarden Euro lässt sich ein Geschäftsmann aus Malaysia eine Yacht aus purem Gold anfertigen, so jedenfalls berichteten es britische Medien. Haben Sie die schönen Fotos gesehen? Der britische Luxus-Designer Stuart Hughes verkleidete die 30 Meter lange Yacht dabei offenbar mit 100.000 Kilogramm Gold und baute Wände aus Meteoritengestein.

Damit kann die Reise in neue Galaxien sicherlich angetreten werden. Der Auftraggeber, offenbar ein  Geschäftsmann aus Malaysia, möchte anonym bleiben, wie edel. Er hat jedenfalls den britischen Luxus-Designer Stuart Hughes in Liverpool beauftragt, der solche Aufträge in dieser finanziellen Spielklasse gewohnt ist. Man gönnt sich ja sonst nichts. Und wir wollen natürlich gar nicht neidisch sein.

Vielleicht ist aber immerhin die Frage erlaubt, was Reichtum mit Augenmaß ist, oder ob es sich hier um einen fortgeschrittenen Fall von geistiger Weltentrückung handelt. Es geht sogar das Gerücht um, dass nach drei Jahren Bauzeit die 30 Meter lange Yacht “History Supreme” – ein wahrhaft passender Name – mit 100.000 Kilogramm purem Gold und Platin verkleidet bereits auf den Weltmeeren schippert.

Schaut man sich die technischen Details an, so gibt es allerdings ein paar Widersprüche. Das Deck, die Reling, die Sitz- und Essecke und sogar der Anker seien ebenso aus Edelmetall wie der gesamte Bootsrumpf. Ein Knochen des Tyrannosaurus Rex soll sich auch noch an Bord befinden. Wenn es darum mal keinen Streit gibt.

Die Wände des luxuriösen Schlafzimmers sollen übrigens mit Platin verziert und aus echtem Meteoritengestein gefertigt sein. Vielleicht fertigt ja bald jemand eine Yacht aus Diamanten und Gold, für einen Betrag ab einer Billion Euro.

Da kann man als einfacher und noch arbeitender Grieche nur neidisch werden, denn offenbar beteiligen sich auch die dortigen Yachtbesitzer kaum an den Aufräumarbeiten seit der Staats- und Finanzkrise. Deren Papier- und sonstiges Geld ist nämlich bereits im Ausland angelegt. So darf sich der Steuerzahler freuen, in diesem Fall gemeinschaftlich haften zu dürfen, indirekt natürlich auch für die Versicherungspolicen von vergüldeten Luxuslinern.

So vergibt man auch Chancen für die nächste Generation – Wenn ein gutes Dutzend Superreicher mal auf den Wettbewerb mit der teuersten Yacht verzichten würden, hätten wir schon 50 Milliarden Euro für kreative Investitionen bereit stehen. Das Ganze hätte nebenbei noch einen Vorteil: Denn mit einem einfachen Segelboot hört man viel besser das Meeresrauschen und den Wind.

Vielleicht sieht ja die Vision der eleganten und emissionsfreien Fortbewegung auf der Yacht so aus, wie es sich die Macher des Berliner Herstellers SolarWaterWorld in der jüngsten Pressemitteilung vorstellen, mit einem Windsegel bzw. Zugdrachensystem vorne - und Solarpanelen auf dem Dach. Derartige Träume sind zumindest mal erlaubt …

Neue Definition von Luxus gefragt - Quelle: SolarWaterworld

P.S. Die obige Geschichte mit der Luxusyacht für 3,5 Mrd. Euro soll übrigens eine Zeitungsente sein, könnte aber doch so passiert sein … denn wenn man alle überbordenden Luxusliner nur ein bisschen kleiner designen würde, käme schon so einiges an Geld zusammen.

Written by lochmaier

Oktober 31st, 2011 at 7:33 am

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Finanzwelt Inside (Teil IV): Banker suchen Zuflucht in der Natur

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Neben dem Komplettumstieg auf die Segelyacht und den Golfplatz, alternativer Arbeitgeber und der Kunst gibt es einen weiteren Fluchtpunkt für Banker, die es sich leisten können oder wollen: Die Natur. Sie bietet vieles von dem, was die gekünstelte Finanzwelt kaum offeriert: Die Pflanzen, die Bäche plätschern, und die Vögel auf den Bäumen singen, sie sind einfach da und genügen sich selbst. Zu existieren und sich redlich zu nähren reicht aus, mehr braucht es zu dieser Lebensform scheinbar nicht. 

Wie ein “einfacher” bayrischer Banker beruflich nach einschlägiger Ausbildung auf ein anderes Jagdrevier jenseits der Finanzbranche bzw. auf Gebirgsförster umgesattelt hat – und welche interessanten Erfahrungen er mit der Natur im Hochgebirge macht, verdeutlicht ein Interview mit Franz Obermayer auf der Homepage der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft.

Auch ein äußerer Schock wie der 11. September 2001 kann zum Weckruf für einen sukzessiven Umstieg in eine neue Karriere werden. So ging der Deutsch-Türke Mustafa Ücözler (36) nach dem Abitur in die USA, studierte dort Volkswirtschaft und Sinologie, arbeitete als Programmierer und begann einen Monat vor dem 11. September als Börsenhändler bei Morgan Stanley im Süd-Turm des WTC.

Einige Jahre später stieg der türkischstämmige Deutsche aus der Finanzbranche aus, heute züchtet er Ziershrimps in San Diego, wie man in einem Interview mit dem Standard nachlesen kann. Ein kurzer Auszug daraus:

STANDARD:  Sie handeln heute mit Ziershrimps und nicht mehr mit Aktien. Warum?

Ücözler: Ich war immer schon ein kritischer Mensch. 9/11 hat den Ausschlag gegeben, mein Leben zu überdenken: Was mach ich denn jetzt? Worum geht es hier eigentlich? Ich bin jetzt fast gestorben, soll ich weitermachen und nur Geld verdienen, wie alle anderen leben und dann irgendwann sterben? Oder soll ich jetzt vielleicht anders denken? Soll ich ein Bestandteil dieses ganzen Schauspiels sein oder soll ich vielleicht zuschauen und analysieren? Ich habe mich für das Letztere entschieden. Deswegen hab’ ich auch meinen Job an der Wall Street ein paar Jahre später aufgegeben. Diese Skandale, die es an der Wall Street gab, sind nur die Spitze des Eisberges. Es gibt viel mehr illegale Sachen, die diese Firmen machen. Es geht nur ums Geld, wie man rankommt ist eigentlich egal. Ob etwas ethisch nicht in Ordnung ist und auch kaum legal, es wird dort trotzdem gemacht. Wenn das überall so ist, auch in der Politik, dann fragt man sich, möchte ich wirklich Bestandteil dieses Ganzen sein? Ich habe zu mir selber gesagt: Nein. Möchte ich nicht.

Quelle: derstandard.at

Wer es noch etwas glaumouröser mag – ein öffentlich wesentlich bekannteres Beispiel für diesen Trend zur ökologischen Neuorientierung unter den Top-Managern ist Rudolf Wötzel. Er führte bis 2008 als Spezialist für Unternehmensübernahmen ein Leben auf der Überholspur. Dann erkannte er: Es ist nicht klug, im Job Schwäche zu zeigen, wie er in einem längeren Interview mit dem Schweizer Tagesanzeiger ausführt.

Rudolf Wötzel kam ins Straucheln, ein totaler Burnout war die Folge. Er konnte nicht mehr funktionieren und musste zwangsläufig über sich und sein Leben nachdenken. Heute bewirtschaftet er eine Berghütte namens Gemsi. Aber ganz tief innen drinnen bleibt der Banker natürlich bestehen. Denn er sieht die Natur bzw. genauer die Hütte auch als betriebswirtschaftliches Investment an, das sich lohnen müsse.

Insofern schließt sich anhand dieses Beispiels der Kreis zwischen Kunst, Natur und Mensch. Nur der Stärkere überlebt, denn auch in dieser parallelen Existenzform jenseits der Businesswelt gibt es eine Art von Konkurrenzgesellschaft. Jeden Tag muss sich jede Kreatur beweisen und eine individuelle Überlebensstrategie entwickeln.

Und so bilanziert Rudolf Wötzel heute mehr als drei Jahre nach seinem Umstieg auf das Almleben, dass eine exakte Lebensplanung doch einen gravierenden Nachteil aufweise: Das, was das Schicksal einem anbiete, die verborgenen Dinge, die rechts und links vom Wege lägen, die seien viel interessanter als die eigene Fantasie zu einem gegebenen Zeitpunkt.

Wer mag da heute noch anlässlich der Marathonsitzungen zum Euro-Rettungsschirm in Brüssel und überall von einem Schicksalstag für die Weltwirtschaft oder die Finanzwelt sprechen. Ob die Leser dem uneingeschränkt zustimmen?

Written by lochmaier

Oktober 26th, 2011 at 7:23 am

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Hoch%ige Anleihen: Kabarettist Chin Meyer erklärt Bankenkrise

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Angesichts der derzeitigen Desorientierung bei der Lösung der Finanz- und Staatsschuldenkrise versuchen wir es mal mit ein bisschen Humor – statt einem weiteren Artikel, der etwas versucht zu erklären, was im Moment vielleicht keiner erklären kann.

Kurz und knapp anhand arbeitsloser Alkoholiker erklärt der Kabarettist Chin Meyer die Ursachen der Finanzkrise. Bekannt geworden ist der “Finanzkabarettist” durch die penible Darstellung eines Finanzbeamten, der den Weg durch den nicht immer legalen Steuerdschungel weist.

In seinem Buch Ohne Miese durch die Krise erfahrt man von Chin Meyer, wie man die Armut besiegt, parallel dazu reich wird, und sogar noch nebenbei nach Griechenland verreist. Achtung Humor! Bei den “Fusel-Anleihen” oder bei dem “Delirium-Garantie-Zertifikat reicht der Spannungsbogen vom unbezahlten Deckel in der Eckkneipe bis zur globalen Wirtschaftskatastrophe, wenngleich auf Kosten einer durchaus relevanten Problemgruppe in der Gesellschaft, die keineswegs nur unten anzusiedeln ist. 

Auch um das absurde Treiben in der Finanzindustrie zu verstehen, ist das folgende Video durchaus eine geeignete Diskussionsgrundlage. 

Written by lochmaier

Oktober 24th, 2011 at 7:15 am

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Schattenbanken: Vorschau auf mein neues Buchprojekt (Teil 2)

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Über den Sommer habe ich fleißig an meinem Manuskript gearbeitet: Der Roman Schattenbanken spielt mit den beiden Elementen Licht und Schatten in der Finanzwelt. Die Grenzlinie zwischen Schwarz und Weiß verläuft dabei nicht nach einem simplen Erkennungsmuster. Dadurch stellt sich die Frage: Wer oder was sind Schattenbanken?

Zunächst die Frage, warum ich das Ganze nicht in einem Sachbuch, sondern in einem Roman verpacken möchte. Die Antwort: Zum einen ist die Welt der Schattenbanken sehr diskret, aber noch viel wichtiger: Ich habe mehr künstlerische Freiheiten, wenn ich mit den Figuren kreativer arbeiten kann, jenseits von vorgefertigten Moralvorstellungen und von klischeehafter Schwarz-Weiß-Malerei (hier die guten Bürger, dort die bösen Banker – diese Ungleichung stimmt so nämlich leider nicht).

So habe ich mich auf den kreativen Weg zu den Schattenbanken gemacht. Sie sind vieles, zum Beispiel ein paralleles Geldwesen, das sich – je nach kultureller Ausprägung – durch den informellen Geldtransfer direkt zwischen Menschen oder Gruppen auszeichnet. Es umgeht im Sinne einer finanziellen Tauschwirtschaft die offiziellen Mechanismen von Staaten, Regierungen und Banken. Persönliche Beziehungen stellen bei dieser Variante das zentrale Bindeglied in einem sorgsam nach außen gehüteten Vertrauensgeflecht dar.

Schattenbanken sind aber auch eine kriminell organisierte „Schattenwirtschaft“, die versucht, den Geldfluss mit allen Mitteln auf ihre eigenen Konten umzuleiten. Es sind Organisationen mit einer mafiösen Struktur, die den Drogen- und Menschenhandel oder die Geldwäsche ebenso als ihr Alltagsgeschäft ansehen wie sie das Internet als Vehikel für die Erpressung und den Kontendiebstahl einsetzen.

Schattenbanken können des Weiteren ein aus dem Ruder gelaufenes unreguliertes, nach außen jedoch vollkommen „legal“ getarntes Finanzsystem sein, das sich durch seine eigenen Exzesse in den Ruin zu treiben gedenkt. Im Fachjargon bezeichnen Experten das Umgehen von Steuern sowie das elegante Umschiffen von offiziellen Transportwegen als Offshore-Banking oder Treasure Islands

Bei dieser Variante erweist die Finanzindustrie der Gesellschaft zweifellos einen Bärendienst, indem es den Unternehmen und vor allem großen Konzernen einen Pfad durch diese Welt der Schlupflöcher hindurch ebnet.

In die Kategorie Schattenbanken sind unter Umständen auch Hedge-Fonds oder Geldmarktfonds einzusortieren, die an der Kreditvergabe beteiligt sind, jedoch keiner rechtlichen Regulierung unterliegen wie gängige Banken. Zu den Initiatoren dieser meist nur mit geringem Eigenkapital unterlegten Geschäfte gehören etwa Private Equity, Vermögensverwalter, Staatsfonds, Broker und Zweckgesellschaften. Aber nicht alles und jeder ist gleich eine Schattenbank.

Selbst konventionelle Banken werfen trotz der gestiegenen Eigenkapitalanforderungen immer längere Schatten, denn deren Verbindlichkeiten dürften mindestens ebenso hoch sein wie jene der unregulierten Marktteilnehmer. Ja ganze Staaten könnte man aufgrund ihrer Schuldenlast als Schattenbank bezeichnen.

Es fällt deshalb schwer, eine idealtypische mentale Grenzlinie zwischen den einzelnen Akteuren zu ziehen, die sich einem billigen Schwarz-und-Weiß geprägten Weltbild entziehen. Denn auch die träge Masse der Mitläufer fungiert als Teil des weltweiten Systems von Schattenbanken, wenn Bankkunden und Vermögensanleger sich keinerlei Gedanken darüber machen, wie ihr Geld „arbeitet“, auf dessen Basis die Finanzindustrie ihr Kapital vermehrt, in welche Kanäle es fließt und auf welcher sozialen Grundlage es weniger privilegierte Menschen auf diesem Kontinent möglicherweise in den Ruin treibt.

Und Schattenbanken können schließlich auch extremere soziale und politische Gruppierungen sein, die an der Grenzlinie zwischen Zerstörung, Anarchie und sozialer Utopie nach einem Ventil, einer Ausflucht oder Alternative Ausschau halten. In diese Kategorie gehören etwa Aktivisten, die versuchen, ein aus ihrer Sicht aus dem Ruder gelaufenes kapitalistisches System mit Hilfe von technischen Angriffswaffen zu torpedieren und zu sabotieren.

Manche Visionäre halten aber auch Ausschau nach einem konstruktiven Ausweg, einer vermeintlich besseren Alternative zu den Schattenbanken, die sie mit einem ökologisch und sozial nachhaltigen Wirtschafts- und Finanzsystem verbinden. Der Weg dahin scheint indes lang und steinig. Lichtbanken wären jenseits zu hochgesteckter moralischer Ansprüche ganz einfach jene Menschen, die umsichtig und kreativ mit ihrem eigenen und dem Geld anderer umgehen. Das ist sicherlich (noch) eine Minderheit.

Nun aber statt der grauen Theorie eine Kurzbeschreibung des Inhalts:

Der Roman beschreibt Schattenbanken unterschiedlichster Prägung aus dem Blickwinkel eines IT-Sicherheitschefs. Der ehrgeizige Sebastian Heilfrisch (48), der bei einer fiktiven deutschen Großbank arbeitet, hat die oberste Sprosse der Karriereleiter bereits erklommen. Er sieht sich jedoch mit völlig neuen Herausforderungen konfrontiert.

Diverse Hackerangriffe von unterschiedlichen Seiten bringen seine Sicherheitsphilosophie und die ganze Bank ins Wanken. Auch sein Privatleben droht allmählich aus dem Ruder zu laufen. So bleibt unklar: Kann er seine Aufgaben lösen? Wer steckt hinter den Hackerangriffen auf sein Geldinstitut? Und wo lauert die Gefahr bei den Schattenbanken wirklich?

Fertigstellung: Noch offen (2012-2030, Kreativität lässt sich eben nicht planen …)

Written by lochmaier

Oktober 19th, 2011 at 11:34 am

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Buchprojekt (Teil 1): Blogreview – Wo liegt die Zukunft der Finanzwelt?

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Es sind nun fast drei Jahre, seitdem dieses Weblog das Licht der Welt erblickte. Zeit, einmal Bilanz über die Highlights zu ziehen. Dies möchte ich in Buchform tun, so dass die Leser gewissermaßen eine Best of Social Banking 2.0 Blogreview in komprimmierter Form erhalten, als eBook oder in Printversion zur freien Auswahl. Einen Buchtitel gibt es auch schon, der wird aber noch nicht gleich verraten.

Das bietet mir selbst die Gelegenheit, den roten Faden ins Visier zu nehmen.  Die Richtschnur für die Blogreview bilden dabei weniger aktuelle Artikel, sondern die hintergründige Auseinandersetzung mit neuen Trends rund ums “Social Banking 2.0″, ein Begriff, den ich selbst im Juni 2009 zur Selbstbeschreibung dieser Webseiten ins Leben gerufen habe.

Die Bank sind wir (TELEPOLIS)

Was also drücken die Begriffe Social Banking 2.0, Crowdfunding oder Social Lending aus? Welche Visionen und Zukunftsperspektiven für die Bankeninnovation verbinden sich damit? Wie wird die Finanzindustrie künftig geprägt sein, weiterhin vom Business as usual?

Darüber werde ich noch einmal in der geplanten Rückschau nachdenken, um das Interessanteste heraus zu filtern – und den Lesern in aufbereiteter und frisch kommentierter Form zu präsentieren, so dass sich hieraus Rückschlüsse gewinnen lassen, welche kreativen Wege unser aus dem Ruder gelaufenes Finanzsystem mit unserer Hilfe nehmen könnte.

Erscheinungstermin: Anfang 2012.

Written by lochmaier

Oktober 17th, 2011 at 7:07 am

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K(l)eine Randnotiz: US-Finanzblogger treiben den Wandel

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In den USA ging vor wenigen Tagen die erste Financial Blogger Conference in Chicago zuende. Lebendige Videobilder mit Stimmen der Teilnehmer dazu gibt es hier auf Youtube. Da tut sich also wirklich was, 250 Teilnehmer aus der Blogosphäre waren ebenso vertreten wie einige für neue Trends aufgeschlossene Banken, die das Event sponsorten. 

Bewegungen wie Occupy Wall Street treiben den Wandel. Ganz vorne mit dabei sind Blogger. Und dort herrschte auf dem Treffen in Chicago eine ausgesprochene lebendige Atmosphäre, ja Aufbruchstimmung.

Es gibt übrigens jenseits der rein politischen Dimension eine ganze Reihe von spannenden Finanzblogs in den USA, die von ihrer Anzahl, aber auch von ihrer Bedeutung in der vernetzten Medienwelt den Weg weisen. Manche mögen für deutsche Augen und Ohren etwas (eigen)marketinglastig sein.

Die Zahl der Kommentare ist sicherlich nicht das Qualitätsmerkmal bei Wirtschafts- und Finanzblogs – provokativ formuliert: Je weniger Kommentare umso besser und aussagekräftiger der Beitrag. Aber die Medien kennen fast nur den Begriff Quantität und Reichweite. Dabei geht es gerade bei guten Blogs um inhaltliche Differenzierung und Individualität, in den USA gibt es weit weniger Schubladendenken als hier.

Blogs sind aber hier wie dort die Trendscouts und Frühwarnsysteme für gesellschaftliche Veränderungen, die irgendwann auch die Wirtschaft erreichen. Die Monetarisierungsfrage stellt sich dabei zunächst nicht, gerade wenn man neue Wege beschreitet.

Fazit: Bloggende Journalisten oder journalistische Blogger? Die Frage ist bei Wirtschafts- und Finanzjournalisten längst out – denn gerade hier gibt es kaum ideologische Grabenkämpfe wie in anderen Revieren. Es dominiert Pragmatismus, jeder hat in Personalunion viele Funktionen…. Auch Journalisten sind übrigens neugierige Wesen – in Zukunft werden also gute individuelle Blogformate sicher ihren Zugang zu den Medien finden – und umgekehrt. Eine synergetische Koexistenz – das wäre doch sicher eine gute Nachricht, oder?

Doch nun stellt sich die spannende Frage, ist so etwas wie eine lebendige Szene nicht auch in Deutschland möglich? Zugegeben, was für eine unverschämte Frage, die so manches öffentliche Definitionsmonopol und Zitierkartell gerade in der hierarchischen Medien- und Finanzwelt in Frage zu stellen vermag.

Schwarze oder weiße Bilder zu erzeugen, ist schließlich das einträglichste Mediengeschäft, statt zu differenzieren. Man könnte deshalb geradezu salomonisch antworten: Jein, einen rasanten Wandel wird es hier so nicht geben. Will heißen: Nicht sofort, aber irgendwann, wenn wir es uns leisten können, als brave Herde den Trends hinterher zu laufen, die andere in den USA und sonstwo setzen, wo unternehmerische Neugier größer geschrieben wird. 

Jedem sei dazu noch einmal die unten eingeblendete Videobotschaft von Steve Jobs empfohlen, die er im Jahr 2005 vor Studenten der Eliteuni Stanford  hielt. Allerdings sind hier die Verhältnisse doch noch etwas anders gelagert. Kurz: Das Schubladendenken ist sehr groß und die Bewegung zwischen einzelnen festgefügten Lagern ist nicht ausgeprägt. Kurzum, noch überwindet die Neugier keine Gräben. 

Aber meist kommt ja alles, was in den USA erfunden wird, mit gewisser zeitlicher Verzögerung zu uns. Um es leicht abgewandelt mit den Worten von Steve Jobs zu sagen:

 

- Die zentralen Punkte im Leben verbinden sich immer erst nachher. Davor muss man neugierig sein und etwas riskieren. Man sollte dabei einer inneren Richtschnur folgen, die in den eigenen Talenten und Träumen angelegt ist. 

Deshalb meine kleine Randnotiz: Wer im Innovationszug ganz vorne sitzt, holt sich eventuell eine blutige Nase, der Gegenwind bläst evtl. etwas frontaler ins Gesicht, aber es ist auch das Gefühl, an der Entstehung von etwas Neuem beteiligt zu sein. Wer in der Mitte des Zuges sitzt, fährt dagegen bequem und relativ risikolos, irgendwie gut genährt, aber auch langweilig. Und ganz hinten, da droht der eigene Waggon ganz vom Zug abgehängt zu werden.

Where do you want to drive?

Written by lochmaier

Oktober 12th, 2011 at 7:03 am

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Occupy Wallstreet: Mehr als eine Protestbewegung formiert sich

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Als ich vor ein paar Tagen in der Abenddämmerung spazieren ging, kam ich an einem von mir öfters benutzten Geldautomaten vorbei. Er war nicht nur verschwunden, sondern die ganze Filiale der Post(bank) am Schloss in Berlin-Charlottenburg geschlossen. Am Platz des abmontierten Geldautomaten hatte jemand folgende Inschrift hingekritzelt … 

Occupy Wallstreet: Der Druck von der Straße wächst Foto: Lothar Lochmaier

Gerade als ich dieses Foto geschosssen hatte, kam ich ins Gespräch mit einer Passantin, die es ebenfalls bemerkte und fotographierte. Ich hielt sie zunächst für eine Touristin, nach einigen Sätzen in englisch wechselten wir ins Deutsche. 

Es handelte sich interessanterweise um eine   frühere Journalistin vom Wirtschaftsmagazin Capital – und wir waren uns in einem Punkt einig: Die Power von der Straße sei zwar problematisch, aber wenn die Politiker und Verantwortlichen sich kaum bewegten, müsse die Straße eben sie bewegen.

Journalistische Spurensuche an einer früheren Postbank-Filiale in Berlin

Sie möchte also die Spielregeln an der Wall Street zweifellos verändern, beeinflußen, ja revolutionieren – die Bewegung Occupy Wall Street .   Anfänglich von den Medien noch eher belächelt, haben sich die Initiatoren mittlerweile mit anhaltenden Aktionen im ganzen Land Gehör verschafft. Auch Blogger sind ein wichtiger Resonanzverstärker in diesem Kontext, wie sich unschwer am Beispiel von We are the 99 Percent, über den etwa Spiegel hier berichtet. 

Manche Beobachter sehen die Initiative zwar als Phänomen von politisch linksstehenden Randgruppen, dabei ist die Verteilung von Reichtum und Armut eine Sache der ganzen Gesellschaft. Es stehen Richtungsentscheidungen nicht nur in den USA an, wohin die Gesellschaft driftet, noch radikal(er) auseinander oder nicht.  Lesenswert: Ökonom Robert Shiller fordert nichts weniger als die Demokratisierung der Finanzmärkte.

Konsequenzen aus den aktuellen Geschehnissen gibt es viele. So titelt dailyfinance: As Angry Customers flee Financial Giants Online Banks are Booming. Wenn es allerdings darum geht, die Banken gleich ganz abzuschaffen, könnte es in die falsche Richtung laufen. Es geht darum, sie zu verändern, genauer: produktiv im Sinne der “Realwirtschaft” und der menschlichen Arbeitskraft zu gestalten. Denn: “Die Bank sind wir”.

Jedem sei deshalb, um die reale Dimension jenseits von ideologischen Färbungen  zu erfassen, noch einmal die Autobiographie von Barack Obama empfohlen. Er sagte kürzlich sinngemäß: Es gehe hier nicht um Klassenkampf, sondern um die Frage, warum Investmentbanker oder Hedge Fonds Manager nicht ebenso hohe Steuern zahlten wie ein einfacher Klempner. 

Genau darum geht es, nicht mehr, nicht weniger. Insofern haben wir es hier mit einer alt bekannten “sozialen Frage” zu tun. Aber der Weg zu dessen Lösung kann nur pragmatisch sein, nicht den alten Ideologien von Kapitalismus versus Sozialismus folgend. Von beidem zuviel kann eine Gesellschaft zum Absterben und Einsturz bringen.

Unerwarteter Zuspruch für die Okkupisten an der Wall Street kommt sogar aus der Finanzwirtschaft. Nicht nur George Soros findet die Anliegen berechtigt und hält eine Finanztransaktionssteuer für überfällig. Das wird jedoch nicht ausreichen, es braucht tiefergehendere Veränderungen. Am 15. Oktober wird es weltweit zu konzertierten Aktionen kommen, einen Überblick über die kleine oder größere Wallstreet-Revolution gibt es auf Heise Telepolis.   

Fazit: Es formiert sich in den USA eine politisch motivierte Gegenbewegung zur rechtslastigen Tea Party, deren Idole und Ideale ziemlich fragwürdig sind. Ob und in welchem Zuschnitt die Bewegung via Anonymous und andere Aktivisten nach Deutschland kommt, ist noch unklar.  Chris Skinner hat dazu einen kleinen Text geschrieben, in Anlehnung an das Pink-Floyd-Song “Another brick in the Wall”:

We don’t need no occupation 
We don’t need no thought control
No dark sarcasm from the government
Police leave them kids alone
Hey! Police! Leave them kids alone!
All in all it’s just a brick in the Wall … Street.
All in all you’re just a brick in the Wall … Street.

In einem früheren Video hatte ich die Konfliktlinie zwischen der alten und neuen Bankenwelt, mit den kreativen Löchern dazwischen, anhand des Songs ”The Banking Wall” wie folgt illustriert:

Written by lochmaier

Oktober 10th, 2011 at 7:34 am

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Design Thinking (Interview): Kann der Bankkunde profitieren?

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Mit Blick auf das Design Thinking in der Finanzindustrie hatte ich auf diesem Weblog bereits eine ausführliche Betrachtung geschrieben, die die Leser von Social Banking hier nachlesen können. Die spannende Frage lautet nun, ob sich dadurch in der Beziehung zwischen Finanzdienstleister und Kunde etwas ändert bzw. sogar verbessert.

Wieder einmal haben Finanzdienstleister die großen Design-Preise dieser Welt abgeräumt. So gewann unter anderem die Deutsche Bank den morgen am 7. Oktober in Berlin verliehenen Red Dot Design Award mit ihrem Brandspace. Ein neues Markenerlebnis für die Kunden, lautet immerhin die Botschaft der größten deutschen Universalbank. Doch profitieren wir alle wirklich von bunten Bilderwelten, die in erster Linie der eigenen Markeninszenierung dienen?

 

Über den schmalen Grat zwischen Mythos und Realität von Design Thinking habe ich deshalb mit Professor Gerhard Buurman gesprochen, wir hatten uns anlässlich des Business Engineering Forums in Bregenz kennen gelernt. Zu seiner Vita: Gerhard Buurman absolvierte zunächst eine Ausbildung als Giessereimodellbauer bei BMW und studierte von 1986 bis 1992 Industrial Design an der Universität Essen.

Im Jahre 2005 initiierte Buurman den Aufbau des Design Institute for Finance and Banking (SDFB), ein Kooperationsprojekt zwischen der ETH Zürich, der Universität Zürich und der Universität St. Gallen. 2007 wurde er deren Vorsitzender des Vorstandes, seit 2010 ist er Präsident des Forschungsrates. Über aktuelle SDFB-Projekte, die auch eine starke Schnittstelle zu sozialen Medien und neuen nutzerzentrierten Geschäftsmodellen wie dem Social Lending haben, kann man sich hier einen Eindruck verschaffen.

Das hauptsächliche Arbeitsgebiet von Buurman sind die Bereiche Design und Designtheorie, wobei die Einflüsse von Informationstechnologien ein tragendes Element darstellen. Im Produkt- und Kommunikationsdesign erhielt er nationale wie internationale Auszeichnungen. 

Gerhard Buurman eröffnete zudem nach dem Studium mit Partnern ein Atelier für Produkt- und Kommunikationsdesign. Seit 2003 ist er Partner der Designagentur Plasma Design in Zürich.  Kommen wir nun aber direkt zum eigentlichen Thema: Wie könnte der Bankkunde vom Design Thinking profitieren? 

Social Banking 2.0: Herr Prof. Buurman, glauben Sie denn, dass es möglich ist, in den Geldkreislauf und dessen Wertschöpfung in einem vollständig integrierten Design-Ansatz abzubilden und zu implementieren, oder bleibt das am Ende nur ein modischer Zuckerguss über einem überwiegend selbstreferenziellem Geschäftsgebahren?

Gerhard M. Buurman: Ich bin der Überzeugung, das wir zunächst klären sollten, was Design ist. Wenn wir unter diesem Begriff ausschliesslich die ästhetische und funktionale Gestaltung von Benutzerschnittstellen verstehen, dann sehe ich hier tatsächlich wenig Perspektive für grundlegende Innovationen. Wichtiger scheint mir für die Zukunft, dass wir uns im Design auch um die Modelle und Theorien kümmern, die hinter diesen Benutzerschnittstellen wirken. Sie bestimmen letztendlich die Informationsqualität [für Bank und Kunde] und sind massgeblich – da  handlungsanleitend.

Social Banking 2.0: Wie könnte denn Ihrer Auffassung nach eine gleichsam idealtypische wie alltagstaugliche Definition von Design Thinking für die Finanzindustrie aussehen?

Ich bin kein grosser Anhänger dieses Neuwortes. Wesentlich für mich ist die Gewissheit, dass wir in unseren Gesellschaften zukünftig die oben angesprochenen Modelle und Theorien umfassend, partnerschaftlicher und mit Gemeinsinn verhandeln, bevor wir auf deren Grundlage möglicherweise riskante Dienstleistungen entwickeln und unter die Menschen bringen. Das Design hat in seiner Geschichte immer schon so gedacht und auch so gehandelt. Dass wir diese lang geübte und erfolgreiche Praxis nun als ‚Design Thinking‘ neuerlich propagieren ist gut … wenn es denn wirklich fruchtet. Neu ist es jedenfalls nicht.

Social Banking 2.0:  Wie schätzen Sie den derzeitigen Status Quo ein, gibt es Banken, die Design Thinking bereits in der einen oder anderen Form praktizieren?

Ich erkenne heute tatsächlich, dass viele Unternehmen an sehr vielen Stellen ihre eingeübte Betriebsamkeit auf den Prüfstand stellen, neue Geschäftsmodelle entwickeln, sich dem Wandel durch neue Technologien stellen etc.. Die neue Betriebsamkeit ist aus meiner Sicht hingegen zunächst Ausdruck einer Verunsicherung und weniger Zeichen einer tieferen Einsicht. Wenn wir unter dem Stichwort ‚Design Thinking‘ auch weiterführende Fragenkomplexe einbeziehen wollen – Stichwort: Wohlstand, interkulturelle Gerechtigkeit, Fortschritt, Wachstum etc. – dann erkenne ich hier vor allem ein offenes Feld. Wir müssen mögliche Zukünfte unserer Wohlstandsgesellschaft zunächst einmal definieren, kommunizieren und breit diskutieren – erst dann können wir uns auf den Weg machen, sie umzusetzen. Hierfür braucht es eine Zeit gemeinsamen Nachdenkens, eine Zeit des Experimentierens und des Bewertens. Nur in einer solchen fehlertoleranten Kultur kann Fortschritt geschehen.

Social Banking 2.0: Wie tief müsste man denn ins Geschäftsmodell von Banken eingreifen, um Geld überhaupt erfolgreich zu redesignen?

Wir können doch das Geld nicht redesignen. Geld ist zunächst ein Wertäquivalent, es hat eine Wertaufbewahrungsfunktion und ist nicht mehr als eine Informationsgrösse. In der einen oder anderen Form wird es so etwas wie ‚Geld‘ immer geben. Was meiner Meinung nach fehlt ist die Auseinandersetzung mit den Wertäquivalenten. Was wir brauchen sind neue Wertedebatten und aussagefähige Alternativen … ZEIT … SINN … FAIRNESS … Wissen … sowie Antworten auf die Frage, wie wir diese sperrigen Werte mit unseren technizistischen Verhandlungssystemen verarbeiten können.

Und was die Institution Bank angeht: Banken haben wichtige volkswirtschaftliche Aufgaben zu erfüllen. Sie sind in ihrer Funktion allerdings völlig falsch verstanden und auch überfordert, wenn wir unsere Wohlstandsfrage allein durch ihre Rechenmodelle beantwortet wissen wollen.

Social Banking 2.0: Es gibt einige Großbanken wie die Deutsche Bank, die sich offen zu einem konzeptionellen Design Thinking bekennen, was halten Sie davon?

Zunächst einmal muss ich auf mein obiges Statement zum Thema Design Thinking verweisen. Darüber hinaus kenne ich zu wenig die interne Innovationskultur der Deutschen Bank. Was ich weiss ist, dass erfolgreiche Unternehmen stets nah am Zeitgeist operieren und mit solchen Slogans kommunikativ sehr geschickt umgehen. Entscheidend ist aus meiner Sicht, was hinten rauskommt.

Social Banking 2.0: Verändern sich durch das Internet die Spielregeln in der Finanzwelt, etwa durch die stärker aufkommenden virtuellen Währungseinheiten, oder ist dies nur eine Modewelle?

Ja, natürlich verändert sich dadurch Vieles. Die Frage ist, wird das Gesamtproblem [Informationsqualität] dadurch gelöst und wird nicht Vieles aus Kundensicht noch komplexer und verwirrender? Was ich erkennen kann ist die Tendenz, dem Kunden mehr Eigenständigkeit einzuräumen. Hierfür eignet sich Technologie hervorragend. Die Banken stellen also die Technologie – die Kunden nutzen sie. Aus meiner Sicht geht das jedoch an der Kernaufgabe der Banken vorbei – BERATUNG. Das ist ein ähnliches Problem wie es die Kirche derzeit beschäftigt. Die Menschen spielen mit unterschiedlichen Glaubensbekenntnissen, sie experimentieren mit ihren Glaubensfragen. Solche postkonfessionellen Verhaltensweisen finden wir auch beim Bankkunden. Sehen wir, wohin das führt. Vielleicht vertrauen wir ja am Ende nur noch technisch illusionierten Bildern, weil sie uns gefällige Modelle der Realität liefern.

Social Banking 2.0: Wie sähe denn Ihrer Auffassung nach eine redesignte Bank am Puls der Realwirtschaft, Umwelt und dem Menschen aus, gibt es dazu konkrete Gestaltungsoptionen?

Ehrlich gesagt glaube ich, das wir diese Banken schon einmal hatten. Wir sollten zurück schauen und sehen, wie das Zusammenspiel [Interaktion] von Menschen, Unternehmen und Banken in der vortechnologischen Zeit funktioniert hat. Da haben die Bankmitarbeiter im Normalfall hingeschaut, kritisch geprüft, da hat Sachverstand und Empathie miteinander gerungen. Heute folgen wir strikten Regeln und vertrauen technischen Modellen samt ihrer Analysen [siehe auch Frage 1]. Die Bedeutung der informationstechnik in der Finanzwirtschaft ist unumkehrbar [Bsp.: Algorithmic Trading], ihr wird eine wichtige Beratungs- oder Bildungskomponente folgen. Und im Kern wird die Frage lauten, wie wir als Konsumenten mit den komplexen Informationsangeboten umgehen. Adaptive ökonomische und technologische Bildungsangebote – als integrale Elemente der Bankdienstleistung – halte ich für ein wichtiges und zukünftiges Thema.

Social Banking 2.0: Löst das Internet die Bankfiliale nicht in zehn Jahren komplett ab, insbesondere, wenn die Bankberatung außer hohen Provisionen keinen realen Mehrwert vermitteln kann?

Für einige Geschäftsmodelle mag diese Zukunftsbeschreibung stimmen. Vor allem im Retailbanking könne man eine solche filialfreie Welt plausibilisieren. Die allermeisten Themen bedürfen jedoch weiterhin Expertise und genaues Hinsehen. Hier ist die Technologie noch lange nicht bereit. Man muss auch sehen, dass jede Beratung eine taktische Komponente hat, die durch strategisch orientierte technische Regelsysteme nicht ‚gespielt‘ wird [oder sogar bewusst unterdrückt wird]. Gute Beratung wird noch teurer … soviel ist sicher.

Social Banking 2.0: Oder anders herum gefragt: Besteht durch die Verlagerung des Bankings ins Netz nicht das Risiko, dass sich neues Blendwerk in der “Bunti-Klicki-Bank” etabliert?

Da sind wir doch schon. Für mich als Kunden zeigt sich die Welt des Banking heute als eine immer buntere, abwechslungs- und variantenreichere oder auch verwirrendere ‚Spielwiese‘. Und es zeigt sich, dass sich sehr viele simple Konzepte wechselseitig zitieren. Der Boden für wirklich innovative Modelle in den Bereichen integrierte Informationsdienste, Benutzerschnittstelle, Bildung und Lernen u.v.a. ist noch nicht bereitet. Hier gibt es weder funktionierende technische Regeln, komponentenbasierte standardisierbare Schnittstellen noch gibt es tragfähige Geschäftsmodelle. Das alles ist aber im entstehen. Es brauch Zeit, Experimente und eine verbesserte dezidierte Forschung am Thema ‚Kundenschnittstellen in der Dienstleistungsgesellschaft’.

Social Banking 2.0: Welches ist Ihre Vision von einer kunden- und menschenfreundlichen Bank der Zukunft, und welches Design-Regelwerk müsste dieser zugrunde liegen?

Meine Vorstellung einer Bank der Zukunft ist mehr die einer adaptiven, skallierbaren und rechtlich wie technisch gesicherten funktionalen Benutzerschnittstelle. Hinter dieser Benutzerschnittstelle werden sich viele hochspezialisierte Dienstleister ansiedeln, die die Funktionstüchtigkeit des Basissystems sowie seine funktionale Ausdifferenzierung gewährleisten und damit ihr Geld verdienen. Daneben kann ich als Kunde Beratungsunternehmen beauftragen, deren Geschäftsmodell die technisch-inhaltliche Beratung ist. Und es wird natürlich Banken geben, die die übrigen volkswirtschaftlichen Funktionen garantieren. Mit denen wird der Normalverbraucher in der Regel nicht viel zu tun haben.

Social Banking 2.0: Kann eine (nicht nur designorientierte) Innovationskultur überhaupt aus dem Banken- und Finanzsystem selbst heraus entstehen, oder bedarf es dazu neuer Spieler von außen? Wer könnten diese ggfs. denn sein?

Die Innovationskultur haben wir durchaus, vielleicht erkennen wir sie nur noch nicht. Derzeit entstehen viele Ideen – und vergehen wieder – und wir mäandrieren in Richtung einer Systematik, die den geschilderten Anforderungen ein Stück weit gerechter werden als heute. Aber auch dieses künftige System wird Fehler in sich bergen. Fortschritt ist schon allein dadurch gesichert, dass wir die Fehler von Morgen in dieser Minute vorbereiten.

Interview: Lothar Lochmaier

Lesetipp: Ob es in der “Web 2.0-Welt” einen eigenständigen neuen nutzerzentrierten Gestaltungsansatz jenseits von window dressing geben kann, damit befasst sich dieser Artikel auf der Plattform fastcodedesign, der die Macht der Kreativen als unternehmerische Gestalter wirtschaftlicher Bedingungen hervorhebt:

Designers Are The New Drivers Of American Entrepreneurialism

Written by lochmaier

Oktober 6th, 2011 at 6:56 am

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Finanzwelt Inside (Teil III): Banker suchen Zuflucht in der Kunst

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Wie Banker(innen) den Karrierehebel umlegen, wenn sie – oft noch in jungen Jahren – zuvor schon genug Geld verdient haben, das lässt sich am Beispiel von Kreativberufen wie dem Bildhauer oder Buchautoren skizzieren. Aber schauen Sie selbst, wer sich im Gegensatz zum durchschnittlichen Arbeitnehmer einen derart eleganten Umstieg leisten kann.

In der Reihe Die schönsten Karrierewechsel in der Finanzwelt  behauptet die FTD jedenfalls, dass in London immer mehr Banker zu freischaffenden Künstler mutieren. In der bunt gemischten Gruppe der “Left Bankers”, in Anlehnung an die Künstlerszene des Pariser Seine-Ufers Rive Gauche, engagiert sich beispielsweise ein früherer COO der US-Bank Merrill Lynch namens Nasser Azam.

Sie wissen nicht, was ein COO ist? Kein Problem, andere sind auch nicht schlauer. Es ist sowas wie der ultimative Durchlauferhitzer im Unternehmen, der Chief Operating Officer. Aber er betreibt offenbar auch Kunst parallel zu seiner Banktätigkeit: Denn Nasser Azam verbindet laut FTD seit den frühen 80er-Jahren bereits seine Karriere im Finanzwesen mit einer Karriere in der Kunstwelt.

Im Jahr 2008 wurde sogar eine große Bronzeskulptur, “The Dance”, im Londoner Flussufergebiet South Bank enthüllt. Ob es hier einige Fürsprecher gab? Es soll sogar einen recht erfolgreichen Banker in New York geben, ist mir zugetragen worden, der bei Lust und Laune nach Feierabend seine Gitarre nimmt und in der Metro Musik macht. Auf beachtlichem Niveau, eine echte Leidenschaft, kein Fake, so ist zu vernehmen. 

Offenbar reichen die nackten Zahlen doch nicht ganz aus, um glücklich zu sein, oder zumindest zufrieden zu sein mit der Nachhaltigkeit der eigenen Arbeit.  Der elegante Wechsel ins künstlerische Metier ist freilich alles andere als ungewöhnlich. Mit dem Geld wächst auch der Wunsch nach stilvoller Verfeinerung des privaten Lebens, Spötter würden sagen: nach Inszenierung.

Immerhin waren und sind Banken immer noch die größten Kunstmäzene, da liegt der Wechsel einzelner Banken in das Kreativfach gar nicht so weit entfernt. Vertreten in der Kunstwelt sind natürlich auch neue Bankenmodelle aus dem Web 2.0-Umfeld. So der Mitbegründer von Wonga Jonty Hurwitz, einem britischen Onlineunternehmen für kurzfristige Kredite, der wunderschöne anamorphe Skulpturen mithilfe algorithmischer Berechnungen formt – mit Hilfe der gleichen Technik, die er zum Aufbau von Risikomodellen zur Bewertung von Kreditanträgen benötigt haben soll.

Und die Daily Mail berichtet über die 32-jährige Polly Courtney, eine frühere Bankerin, die jetzt Romane schreibt. Die Londoner City verließ sie demnach, weil sie den Sexismus nicht mehr ertrug. Wir wussten es schon immer: It’s a Men’s World we live in.

Und aus dem gleichen Grund wechselte sie jetzt den Verlag, weil der bisherige ihren jüngsten Roman auf sexistische Weise vermarktet habe, behauptet jedenfalls das britische Blatt. Schließlich heißt der Untertitel ihres Buches ja auch: It’s a Men’s World. But it takes a woman to run it. Dem wollen wir an dieser Stelle nichts mehr hinzufügen.

Fazit: Der Grat zwischen Mythos und rauer Wirklichkeit ist ziemlich schmal, wenn es darum geht, den Bankern eine neue Lebenslegende zwischen linksintellektueller Boheme oder blankem beruflichen Opportunismus anzudichten, wenn man sich den Wechsel auf ein elegantes neues Pferd leisten kann. Die Medien lieben halt den einsilbigen Schwarz-Weiß-Kontrast, für die bunteren Töne dazwischen fehlt oftmals der Blick.

Zurück zu der adelsgleich regierenden Männerwelt Inside: Thomas Ostenberg, früher Vizepräsident der Citibank in Brasilien und Spanien, soll inzwischen mit Bronze arbeiten, um tierische und menschliche Figuren darzustellen. Und: Sogar der Büroleiter von Finanzminister Wolfgang Schäuble hat sich ins Romanmetier als Schriftsteller vorgewagt. Markus Heipertz hat einen Roman über einen Aussteiger geschrieben, der einen Banker in Zweifel und Gewissenskonflikte stürzt.

Das Ganze soll sogar nach einem realen Vorbild geschrieben sein, berichtet im Interview mit dem Autor die FAZ über die damit verbundenen tektonischen Verschiebungen in der Finanzwelt. Hartnäckig hält sich übrigens auch das Gerücht, der Bildhauer Jeff Koons sei früher einige Jahre in der Finanzbranche an der Wallstreet für Warentermingeschäfte tätig gewesen, bevor er seine erfolgreiche Karriere gestartet habe.

Vielleicht aber hat Koons nur beide Ambitionen parallel verfolgt, denn welcher Mensch ist schon gerne ganz eindimensional? Aber auch für diese schwierige Frage gibt es nun wieder Spezialisten, die die Verbindung von Koons (leicht als sexistisch verschrieener) Kunst und seiner biographischen Episode im Finanzwesen beleucht und seziert haben. 

Die Überschrift unter diesem vielschichtigen Blogeintrag lautet nämlich: Jeff Koons, der Commodity-Broker. Nicht alles soll ganz legal bei einigen seiner früheren dort gelisteten Arbeitgeber aus der Finanzbranche zugegangen sein, was den Autor zu der etwas waghalsigen Spekulation verführt hat, dass dies den künstlerischen Drang eher verstärkt habe.

Aber analysieren Sie doch am besten selbst das (Man)Ouevre von Jeff Koons, um zu sehen, ob hier ein Ex-Banker tatsächlich Zuflucht in der Kunst genommen hat oder nicht: 

Written by lochmaier

Oktober 4th, 2011 at 6:58 am

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