Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

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Energiearmut durch steigende Strompreise ist kein Luxusproblem

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Seit geraumer Zeit hat der aus der Entwicklungspolitik stammende Begriff der „Energiearmut“ auch Eingang in die Sozialpolitik der Industrieländer gefunden. Es gibt zwar noch keine allgemein gültige Definition des relativ neuen Begriffs, nichtsdestotrotz sucht das mit ihm bezeichnete Problem der Bezahlbarkeit von Energie immer drängender nach einer Lösung.

Nach bisheriger Definition gilt ein Haushalt dann als „energiearm“, wenn er mehr als zehn Prozent seines verfügbaren Einkommens für den Kauf von Energie ausgeben muss. Laut Statistischem Bundesamt waren das im Jahr 2008 5,5 Millionen Haushalte und im Jahr 2011 dann schon 6,9 Millionen Haushalte. Diese energiearmen Haushalte verfügen im Schnitt über 901 Euro monatlich und geben davon rund 93 Euro für die Energiekosten aus.

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: In Folge der seit Jahren steigenden Kosten für Strom, Öl und Gas gibt es immer mehr Haushalte, die ihre Energiekosten kaum noch bezahlen können. Kein Wunder – denn die Kosten für Heizung und Warmwasser sind in den vergangenen zehn Jahren um fast die Hälfte gestiegen, die Kosten für Heizöl sogar um 140 Prozent und der Strompreis hat sich – trotz neuer und vermeintlich kostengünstiger Anbieter auf dem inzwischen liberalisierten Strommarkt – im gleichen Zeitraum mehr als verdoppelt. Weil die durchschnittlichen Einkommen dagegen allenfalls moderat gestiegen sind, droht das Problem mittlerweile auch auf Teile der Mittelschicht überzugreifen.

Wer ist dafür verantwortlich? Während die Grünen die fossilen Energieträger als die zentrale „Armutsfalle“ identifiziert haben, steht seit der Energiewende jedoch auch der Ausbau der erneuerbaren Energien am Pranger. Das EEG mache den Strom teurer, trage weder zu mehr Klimaschutz bei noch habe es zu wirklichen Innovationen in der Energiewirtschaft geführt, so das Fazit der Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) im aktuellen Jahresgutachten.

Der auf den ersten Blick einleuchtende Erklärungsansatz, das EEG als Kostentreiber für überhöhte Strompreise zu identifizieren, scheint freilich zu kurz gesprungen, da der Ökostrom nicht allein für den hohen Strompreis verantwortlich zeichnet. Dennoch, mittlerweile macht der EEG-Umlagebeitrag rund ein Fünftel des durchschnittlichen Strompreises für die Verbraucher aus.

Geraten die Haushalte in Zahlungsschwierigkeiten droht ihnen in letzter Konsequenz eine „Stromsperre“, also ein Kappen der Energiezufuhr – und damit ein Leben ohne Heizung, warmes Wasser oder Licht und auch eine warme Mahlzeit ist dann nicht mehr drin.

Nach Angaben der Energieversorger sind in Nordrhein-Westfalen im Jahr 2010 rund 120.000 Stromsperren verhängt worden. Auf ganz Deutschland hochgerechnet wären demnach rund 600.000 Haushalte davon betroffen gewesen. Allerdings kann man an dieser Stelle (noch?) Entwarnung geben: Die Ergebnisse der Bundesnetzagentur fallen deutlich moderater aus. In einer deutschlandweiten Erhebung hat sie ermittelt, dass im Jahr 2012 rund 312.000 Stromsperren von den Energieversorgern verhängt wurden.

Doch das Problem sollte trotzdem nicht klein geredet werden. Stetig steigende Energiepreise bei allenfalls leicht steigenden Einkommen verschärfen das Problem der Energiearmut. Betroffen sind vor allem Geringverdiener, Empfänger von Sozialleistungen, Rentner und Studierende. Die Verbraucherschützer mahnen, dass sich die sozialen Sicherungssysteme mit Blick auf die finanziellen Zuschüsse zu behäbig der rasanten Entwicklung angepasst hätten. Hier müsste der Gesetzgeber dringend nachjustieren.

Doch es gibt auch Beispiele, die Mut machen. In Nordrhein Westfalen etwa wurde das Projekt „NRW bekämpft Energiearmut“ ins Leben gerufen. Ziel ist es, Betroffene intensiv zu beraten und zu betreuen und dadurch die Zahl der Stromsperren zu reduzieren. Das Verbraucherschutzministerium stellt seit Januar 2013 für die Dauer von drei Jahren 1,5 Millionen Euro für das Projekt zur Verfügung. Mit im Boot sitzen neben den Verbraucherzentralen auch die örtlichen Energieversorger. In acht Modellkommunen des Landes können Haushalte, die ihre Energierechnungen nicht mehr bezahlen können, eine Budget- und Rechtsberatung in Anspruch nehmen und mit einem konkreten „Stromspar-Check“ kombinieren.

Und tatsächlich: Der Ansatz scheint richtig zu sein. Die Verbraucherzentrale resümiert, dass durch die Beratung 65 Prozent der angedrohten Stromsperren nicht wirksam wurden und 54 Prozent der schon verhängten Stromsperren rechtzeitig aufgehoben werden konnten. Nach den ersten zwölf Monaten des Projekts fällt die Bilanz also durchweg positiv aus.

In die richtige Richtung gehen sicherlich auch Vorschläge, die dafür plädieren, die klassischen Energieversorger stärker in die Pflicht zu nehmen. So könnten betroffene Haushalte vor allem dadurch entlastet werden, die ohnehin schon missliche Situation nicht noch durch Kosten für Stromsperren und Mahngebühren zu verschärfen.

Zur Lösung des Problems tragen sicherlich auch die so genannten „Prepaid-Zähler“ bei, die den Strom-Grundbedarf sicherstellen und zudem dabei helfen, den Überblick über die Kosten zu behalten. Auch die inzwischen diskutierten Vorschläge mittels Abwrackprämie den Austausch ineffizienter Haushaltsgeräte zu fördern, sind neben Maßnahmen zur energetischen Sanierung von Wohngebäuden bedenkenswert.

Alles in allem gehen Maßnahmen in die richtige Richtung, die dabei helfen, Verhaltensroutinen bewusst zu machen und zu verändern. Wenig konstruktiv erscheinen dagegen die Preismodelle von so manchem Energieversorger, die den hohen Verbrauch mit Prämien honorieren, anstatt das Strom sparen aktiv zu belohnen.

Written by lochmaier

April 10th, 2014 at 9:32 am

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Neue Stromtrassen „SüdLink“ rufen Bürgerprotest hervor

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Fast jeden Tag kursieren neue Verlautbarungen, widersprüchliche Absichtserklärungen und halb herzige Dementis zum geplanten Projekt „SuedLink“. Es sieht den Bau zweier Stromtrassen vor, wobei eine erste Haupttrasse von Wilster (nördlich von Hamburg) nach Grafenrheinfeld bei Schweinfurt in Bayern führen und eine zweite Trasse von Brunsbüttel bis nach Großgartach in Baden-Württemberg reichen soll. Erst Anfang Februar haben die Betreiberfirmen Tennet und TransnetBW noch vor Beginn des eigentlichen Planungs- und Genehmigungsverfahrens einen Vorschlag zum konkreten Verlauf der 800 Kilometer langen Haupttrasse vorgestellt.

Seitdem reißen Kritik und Proteste am geplanten Streckenverlauf nicht ab. Doch es wird wohl kein Weg daran vorbeiführen, die neuen Stromtrassen „irgendwo“ zu bauen. Denn sie sind notwendig, um den im Norden erzeugten Windstrom in den Süden der Republik zu transportieren. Zudem werden sie gebraucht, um die Stromversorgung der wirtschaftsstarken südlichen Bundesländer ab 2022 sicherzustellen, wenn also in rund acht Jahren der letzte Atommeiler vom Netz gehen wird.

Laut aktuellem Netzentwicklungsplan muss Bayern beispielsweise im Jahr 2021 rund ein Drittel des benötigten Stroms importieren. Zuletzt hat sich deshalb das bayerische Wirtschaftsministerium sogar gegen seinen Regierungschef Horst Seehofer (CSU) gestellt und angemahnt, den Bau der Stromtrassen zügig voranzutreiben, während dieser den Ausbau plötzlich für nicht mehr so dringend hielt und stattdessen zur Besonnenheit aufrief.

Und prompt kommen die Bürgerproteste gleich aus zwei Richtungen. Die eine Fraktion mahnt Bayernchef Horst Seehofer, bei der Energiewende nicht zurückzurudern und den Ausbau der Stromtrassen nicht zu verschleppen. Und die andere Fraktion übt lautstarken Widerstand am geplanten Streckenverlauf der neuen Stromtrassen. Ähnlich wie im nordrheinwestfälischen Höxter, dem hessischen Wolfhagen und anderswo entlang der Strecke sehen auch die Trassen-Anwohner in Bayern ihre Lebensqualität durch die neuen Stromleitungen massiv beeinträchtigt. Was also tun? Protest kommt offenbar von allen Seiten.

Angesichts dieser verfahrenen Situation lohnt es sich, einen Blick auf das Stimmungsbild in der Bevölkerung zu werfen. Eine Umfrage vom Meinungsforschungsinstitut TNS Emnid im Auftrag des bundesweit aktiven Kampagnennetzwerks Campact kommt zum Ergebnis, dass nur zwölf Prozent der Bayern den politischen Zickzackkurs von Horst Seehofer unterstützen. Den Bau der Windstromtrasse befürworten dagegen 59 Prozent der bayerischen Bevölkerung. Und unter den CSU-Wählern sind sogar 62 Prozent für die Windstromtrasse.

Die bayerische Bevölkerung lehnt den Bau der Stromtrassen also nicht grundsätzlich ab. Allerdings scheint die Zustimmung zum Projekt dann rapide zu sinken, sobald persönliche Interessen tangiert sind. Mit der großzügig gewährten Energiewende-Unterstützung ist es bei den Menschen offenbar schnell vorbei, wenn die geplante Stromleitung in der Nähe ihres eigenen Wohnumfeldes verlaufen soll.

Doch die Bürger fragen sich nicht nur, wo die Stromtrassen denn genau verlegt werden. Sie fragen sich auch, wer den Bau der Trassen eigentlich bezahlt und fürchten dabei nicht ganz zu Unrecht, dass die Kosten letztlich an ihnen hängen bleiben. Mit Blick auf ihre eigene Stromrechnung fragen sie sich nämlich mehr denn je, wer von der Ökostromumlage profitiert und zweifeln daran, dass es bei der Verteilung der Kosten gerecht zugeht.

Die für die Trassen verantwortlichen Netzbetreiber Tennet und TransnetBW schätzen, dass die Gesamtkosten des Netzausbaus bei mindestens zehn Milliarden Euro liegen werden. Allerdings fällt es schwer zu glauben, dass diesbezüglich schon das letzte Wort gesprochen sein soll. Kritische Beobachter sehen nach „Stuttgart21 und dem Berliner Großflughafen mit den neuen Stromtrassen das nächste Kostendebakel heraufziehen.

Ungemach droht aber nicht nur von den Bürgern, sondern auch von Seiten der Politik selbst, wie die Moratoriums-Forderungen des bayerischen Ministerpräsidenten zuletzt zeigten. Einer schnellen Lösung dürften also auch die unterschiedlichen Länderinteressen entgegenstehen. Umso mehr sollten Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Energieminister Sigmar Gabriel (SPD) die Zügel fest in der Hand halten. Letzterer wird sein ganzes Gewicht in die Waagschale werfen müssen, um die zerstrittenen Länder zu einer konstruktiven Lösung zu bewegen.

Einmal mehr wird klar, dass es ohne klare und konsistente Strategie bei der Energiewende nicht gehen wird. Eine wesentliche Voraussetzung für das Gelingen des Projekts wird es auch sein, die Menschen auf diesem Weg mitzunehmen, sprich, mit ihnen und nicht gegen sie zu planen. Die vielen ungeklärten Fragen, die aufgewühlten Diskussionen und der teilweise massive Widerstand aus der Bevölkerung lassen sich nur dann produktiv klären und beruhigen, wenn dieser von der Politik und den Betreiberfirmen ernst genommen wird. Denn des Volkes Stimme zeigt einmal mehr, dass die Menschen derartige Großvorhaben nicht nur als Stimmbürger abnicken wollen, sondern direkt am gesamten Planungsprozess beteiligt werden möchten.

Written by lochmaier

April 3rd, 2014 at 8:33 am

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Interview mit Claus Preiss, Vorstandsvorsitzender der Volksbank Bühl – Führungskulturen im Wandel – Was kann die Volksbank als wertbeständiges, aber für neue Ideen offenes Unternehmen wirklich leisten?

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Es ist eines der Vorzeigeinstitute im heimischen Genossenschaftssektor, die Volksbank Bühl eG. Zwar stehen die Volksbanken aktuell rund sieben Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise in Deutschland insgesamt wirtschaftlich nicht schlecht da. Andererseits nagt auch an diesen der Zahn der Zeit. Hinzu treten die Folgen der Regulierung und schrumpfende Margen infolge der derzeitigen Niedrigzinspolitik.

Ein Grund mehr, um diverse Themen der Bankenpraxis im Schlagabtausch zu vertiefen – beim alltäglichen Spagat zwischen Alt-Bewährtem und Jugendlich-Belebendem. Als Sparringpartner fungiert in diesem Fall die Volksbank Bühl. Ihr Credo: “Kundenfairness erreichen wir dadurch, dass wir schon lange mit unseren Kunden über deren Strategien beim Geldanlegen oder Vorsorgen sprechen und dann die besten Lösungen für sie finden. Produktaktionen sind bei uns schon lange ein Tabu.” Aber lesen Sie selbst ausführlich:

Interview [Sponsored Post] mit Claus Preiss, Vorstandsvorsitzender bei der Volksbank Bühl eG  – exklusiv für Social Banking 2.0

Social Banking 2.0: Herr Preiss, was treibt Sie als den Vorstandsvorsitzenden einer erfolgreichen Volksbank in einer Hochlohnregion früh morgens gleich nach dem Aufwachen an, was sind Ihre ersten Gedanken?

Claus Preiss: Wenn ich morgens im Bad stehe, habe ich einen wunderbaren Blick in die freie Natur, sehe den Rheinwald und ab und zu auch ein Reh oder einen Hasen über das Feld hoppeln. Diese Liebe zur Natur und zur Region treibt mich an, unser Versprechen: „Die Region kann auf uns zählen“ täglich in die Tat umzusetzen und zu beweisen.

Social Banking 2.0: Gibt es aus Ihrer Sicht etwas, was die Volksbank Bühl von den unzähligen anderen Genossenschaftsbanken in Deutschland unterscheidet?

Claus Preiss: Ich denke, wir unterscheiden uns in der Grundausrichtung nicht von den anderen Genossenschaftsbanken in Deutschland. Was uns vielleicht unterscheidet, ist, dass wir uns stärker mit den Themen Multikanal, Internet und Innovation auseinandersetzen und dies auch umsetzen.

Social Banking 2.0: Insgesamt fällt die Medienresonanz und die damit verbundene öffentliche Aufmerksamkeit für Ihr Institut doch deutlich größer aus, als bei manch einem Institut der Fall, das allenfalls in den Lokalmedien hin und wieder auftaucht. Gibt es neben dem mittlerweile in Insiderkreisen schon recht bekannten Blog Innovationswerkstatt der Volksbank Bühl noch weitere Gründe dafür. Wie nehmen Sie den Nachrichtenticker wahr?

Claus Preiss: Unsere Innovationswerkstatt ist sicherlich der Brandherd für unsere, sagen wir mal, Medienbekanntheit in Deutschland. Ursprünglich war es nur die regionale Presse, die über uns berichtet hat, zwischenzeitlich bekommen wir auch immer mehr Anfragen von überregionalen Publikationen und Veranstaltern. Letztes Jahr durfte ich bei dem Handelsblatt IT-Forum in Frankfurt zum Thema Bank 2.0 – digitale Transformation als Chance und Risiko sprechen. Jüngst kam ein Bericht im BankersForum  - und vielleicht stehen wir demnächst auch in einer großen Tageszeitung.

Social Banking 2.0: Auffallend sind jenseits vom leicht angestaubten Image so mancher Regionalbank bei Ihnen vor allem die zahlreichen jüngeren Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Offenbar genießen diese einen großen Freiraum, um eigene Ideen in das Bankgeschäft einzubringen. Skizzieren Sie kurz Ihre Philosophie zur Mitarbeiterführung und –motivation?

Claus Preiss: Auch hier zitiere ich gerne einen unserer Erfolgsfaktoren aus dem Unternehmensleitbild. Wenn dort u.a. steht: “Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter genießen Entwicklungsfreiräume,… sichere Arbeitsplätze gegen Engagement … Vertrauen gegen Kreativität“, sind das bei uns nicht nur Worthülsen, sondern dies wird auch gelebt, und zwar über alle Hierachieebenen. Die Möglichkeit, den Bachelor oder den Master nachzuholen ist bei uns ebenso möglich, wie die Unterstützung an der eigenen Training & Coaching Akademie oder auch ein Lauftraining im Rahmen des Betrieblichen Gesundheitsmanagements.

Social Banking 2.0: Ihr Kollege Ernst Kronawitter, der die ebenfalls in den Medien immer wieder als Vorbild für ein faires Banking portraitierte Raiffeisenbank Ichenhausen führt, hat kürzlich gemeinsam mit Mitarbeitern ein Buch mit dem Titel „Führen ohne Druck“ geschrieben , was in dem Fall allerdings nicht ganz wörtlich zu nehmen ist. Dennoch, wie schaffen Sie den Spagat anhand von geeigneten Führungsinstrumenten in Ihrer Bank, einerseits die Renditeziele zu erreichen und andererseits vielleicht andere Aspekte wie die soziale Nachhaltigkeit und Kundenfairness gewahrt zu wissen?

Claus Preiss: Soziale Nachhaltigkeit erreichen wir zum Beispiel dadurch, dass wir bei unseren Eigenanlagen darauf achten, nur Produkte in unser  Portfolio zu nehmen, die diesen Ansprüchen gerecht werden. Lebensmittelspekulationen oder Rüstungsgeschäfte haben wir noch nie gekauft. Bei den Kundenkrediten achten wir sehr auf die Regionalität. 95 % unserer Kreditnehmer wohnen in unserem Geschäftsgebiet. Und Kundenfairness erreichen wir dadurch, dass wir schon lange mit unseren Kunden über deren Strategien beim Geldanlegen oder Vorsorgen sprechen und dann die besten Lösungen für sie finden. Produktaktionen sind bei uns schon lange ein Tabu.

Social Banking 2.0: Bis heute ist die Provisionsgetriebene Entlohnung von Mitarbeitern das dominante Vertriebsmodell in der Finanzbranche. Muss dies so bleiben oder können nicht zunehmend nachhaltige Komponenten jenseits der auf einen Nischenmarkt reduzierten Honorarberatung in den Kreislauf mit einfließen?

Claus Preiss: Die provisionsgetriebene Entlohnung von Mitarbeitern ist die eine Sichtweise der Dinge. Es gibt aber auch eine andere Möglichkeit der Betrachtung. Wenn eine Bank so wie wir schon über 140 Jahre in der Region und am Markt erfolgreich tätig ist, dann geht das nur, wenn die Vorteile des Kunden bei der Beratung im Vordergrund stehen. Alles andere würde dafür sorgen, dass man als Finanzdienstleister ruckzuck vom Markt eliminiert wird, und heute in der digitalen Welt noch viel schneller als früher. Die variablen Gehaltsbestandteile – in geringem Umfang – bieten zudem guten Beratern auch die Chance einer leistungsgerechten Entlohnung. Ich sehe auch einen sozialen Aspekt bei der provisionsbasierten Beratung im Vordergrund. Stellen Sie sich vor, Banken bieten Beratung zu den Themen Vorsorgen, Absichern, Riester, Pflege oder Bausparen noch gegen Entgelt an. Ich behaupte, dass die vermögenden Kunden da keinen Nachteil hätten. Aber ein Großteil unserer Kunden würde diese Beratungen nicht in Anspruch nehmen mit der Folge, dass viele Kunden bei  ihrer finanziellen Absicherung viel schlechter gestellt sind als heute.

Social Banking 2.0: Wo liegt die Trennlinie zwischen „beraten“ und nur hauseigene Produkte „verkaufen“?

Claus Preiss: Der Vorteil einer Genossenschaftsbank ist nicht nur alleine die Rechtsform mit dem damit verbundenen “nur dem Mitglied verpflichtet“. Sondern auch der Umstand, dass wir innerhalb der Genossenschaftlichen FinanzGruppe über exzellente Finanzpartner verfügen. Adressen wie die R+V Versicherung, die Union Investment oder die Bausparkasse Schwäbisch Hall sind jeweils in der Spitzengruppe der gerateten Finanzunternehmen zu finden. Insofern können wir jedem Kunden für seine jeweilige Strategie auch ein passendes Produkt anbieten.

Social Banking 2.0: Wie sieht es mit den Leitlinien z.B. für die Fondsprodukte der Genossenschaftsgruppe aus. Gibt es dazu konkrete Vorgaben, an die sich etwa auch die Volksbank Bühl halten soll und muss?

Claus Preiss: Wir sind frei in der Entscheidung, wie viel oder welche Produkte wir von unseren Partnern anbieten oder verkaufen.

Social Banking 2.0: In einem früheren Interview mit Social Banking 2.0 argumentierte Ihr Kollege, der Bankenvorstand Andreas Banger von der Volksbank Gronau-Ahaus, dass er den digitalen Wandel in der Branche auch als Chance begreift, statt ihn nur als Bedrohung anzusehen. Ist es nicht ein bisschen blauäugig anzunehmen, die regionalen Banken könnten sich gerade in der Fläche gegen den Abbau von Filialstrukturen wehren?

Claus Preiss: Es kommt darauf an, wie ich die Flächen nutze. Sicherlich werden unsere Kunden künftig immer mehr Servicedienstleistungen wie z. B. Bargeldversorgung, Überweisungen und Daueraufträge online abwickeln, und die Servicefrequenzen werden nachlassen. Der Beratungsbedarf der sich jedoch bei unseren Kunden aufgrund der immer komplexeren Themen rund um das Thema Finanzen ergibt, ich denke da an Altersversorgung, Pflege, etc. , führt aber zu immer mehr Beratungsgesprächen, die von unseren Kunden sehr gerne angenommen werden. Entgegen der früheren Meinung stellen wir aber fest, dass unsere Kunden diese Beratungen sehr gerne in unseren Beratungscentern/Filialen wahrnehmen und nicht zuhause auf dem Sofa. Insofern werden wir auch diese Flächen weiterhin brauchen und nutzen.

Social Banking 2.0: Wie sieht denn Ihrer Meinung nach ein kreatives Zusammenspiel zwischen digitalen Geschäftsprozessen und dem weithin persönlichen Bankgeschäft bei Privat- und Geschäftskunden aus, zwei zugegebenermaßen in ihren Bedürfnissen sehr unterschiedlichen Zielgruppen?

Claus Preiss: Das Zusammenspiel sehe ich so, dass unsere Kunden über unser Multikanalangebot mit uns zusammenarbeiten. Einerseits bedienen sie sich über unser Online-Banking unserer Servicedienstleistungen, andererseits schätzen sie den persönlichen Kontakt mit ihrem bekannten Berater. Nächstes Ziel wird sein, dass die Kunden zuhause am PC und der Berater in der Bank die gleichen Front- Endanwendungen auf dem Schirm haben, und dann über Skype, Facetime oder andere Systeme miteinander kommunizieren können. Das betrifft sowohl die Privatkunden als auch die Firmenkunden.

Social Banking 2.0: Wie beurteilen Sie den Kampf gegen Schattenbanken, Preiskartelle und andere missbräuchliche Entwicklungen in der Bankenbranche. Hinzu treten die Folgen der Regulierung auf EU-Ebene sowie schrumpfende Margen infolge der derzeitigen Niedrigzinspolitik, von denen ja gerade die Sparkassen und Genossenschaftsbanken betroffen sind. Wird man hier nicht als lokaler Bankenchef angesichts von Überregulierung und dem Glauben an die Heilkraft staatlicher Behörden wie der BaFin zum marktradikalen Anhänger der FDP?

Claus Preiss: NEIN

Social Banking 2.0: Blicken wir noch in ein spannendes Vorhaben hinein, das der Volksbank Bühl einige öffentliche Aufmerksamkeit gebracht hat, das Crowdfunding-Projekt „Viele schaffen mehr . Es ist im vergangenen Jahr gestartet worden (Social Banking 2.0 berichtete). Die Zwischenbilanz fällt zwar überwiegend positiv aus. Insgesamt aber scheint es mit der Vorbildfunktion für andere Regionalinstitute aus dem Genossenschaftssektor noch etwas zu hapern oder täuscht dieser Eindruck?

Claus Preiss: … manche Dinge brauchen ihre Zeit. Ich spüre zunehmend Interesse bei meinen Kolleginnen und Kollegen und habe auch mindestens einmal pro Woche einen Anruf oder persönlichen Besuch, um sich direkt vor Ort zu erkundigen. Dabei verlaufen alle Gespräche sehr positiv. Ich weiß konkret, dass einige Kollegen kurz vor der Einführung dieser Crowdfundingplattform stehen.

Social Banking 2.0: Ist der Crowdfunding-Ansatz letztlich nicht doch etwas für Nicht-Banken und innovative IT-Anbieter, die der Branche in den nächsten Jahren etwas den Rang ablaufen könnten?

Claus Preiss: Für unsere Plattform ganz und gar nicht. Ich sehe hier den genossenschaftlichen Gedanken „Was einer nicht schafft, das schaffen viele“ idealtypisch aufs Netz übertragen. Wir ermöglichen unseren gemeinnützigen Vereinen und Institutionen, für ihre Projekte zu denen ihnen das Geld fehlt, die Onlinecommunity in der Region zu aktivieren. Seit wir die Plattform zur Verfügung stellen, konnten schon über 10 Vereine knapp 40.000 € von 800 Spendern akquirieren. Eine tolle Bilanz.

Social Banking 2.0: Und noch zwei persönliche Fragen: Wofür sparen Sie persönlich Geld an, wie geben Sie es gerne aus?

Claus Preiss: Ich habe, glaube ich, die gleiche Motivationslage wie unsere Kunden auch. Sicherheitsreserve, Altersvorsorge und für die Ausbildung oder Starthilfe für meine 4 Kinder. Für mich persönlich gebe ich das Geld für einen Urlaub, einen neuen Fotoapparat oder für ein neues Objektiv besonders gerne aus.

Social Banking 2.0: Welche Tipps zur persönlichen Finanzplanung geben Sie persönlich, soll man z.B. zur eigenen Altersvorsorge lieber Geld in einem Aktienfonds ansparen oder eine Immobilie kaufen, welche Wege empfehlen Sie, um jenseits von unpassenden Standardkonzepten eigenes Vermögen langfristig aufzubauen und zu sichern?

Claus Preiss: Wir wissen, dass wir nur über die Qualität der Beratung und die unserer Produkte unsere Mitglieder davon überzeugen können, dass genossenschaftliche Beratungsqualität eben einen anderen Anspruch hat als viele unserer Mitbewerber im Bereich Finanzdienstleistungen. Deshalb stellen wir auch große Etats für die Aus- und Weiterbildung unserer Kolleginnen und Kollegen zur Verfügung. So etwa für unsere hauseigene Training & Coaching Akademie, die Zertifizierung von unseren Generationen- und Vorsorgeberatern oder auch in unsere InnovationsWerkstatt. Insofern erhalten unsere Kunden eine auf ihre Bedürfnisse und ihre Strategie abgeleitete individuelle persönliche Finanzplanung und keine Standardkonzepte.

Das alte Standardkonzept oder Ziel „in vielen Assetklassen  möglichst viele Euros“ zu legen“ hat aber nach wie vor noch seine Gültigkeit.  ;) .

Interview: Lothar Lochmaier

Written by lochmaier

März 25th, 2014 at 9:36 am

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Premium-Inkubator: Startup mit Chancen sucht exklusiven Partner

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So manch ein erfolgreiches, aber mittlerweile in die Wechseljahre geratenes Großunternehmen öffnet sich für Ideen. Vom internationalen Gründerflair profitiert vor allem die Hauptstadt.

Dort binden die Konzerne in „Premium-Inkubatoren“ frühzeitig frische Kräfte – und erschließen sich so neue Wachstumspotentiale. Das gilt natürlich auch für die Startups, wenn viele Davids nach einem harten Auswahlverfahren mit Goliath kooperieren.

Trotz spannender Ideen ist der Weg von Internet- und IT-Startups bis zum Erfolg oftmals steinig. So auch bei MyLorry (mylorry.de), ein junges Berliner Unternehmen, das sich dem Transportmarkt widmet. Die in der Hauptstadt angesiedelten Gründer werben mit dem Etikett der „ersten urbanen Logistikmarktplatz-Lösung weltweit“.

Der Kunde möchte rasch ein Sofa transportieren? Kein Problem, den passenden Transportfahrer vermittelt die Plattform per einfache Buchung über die App gleich mit dazu, gegen entsprechende Gebühr, versteht sich.

Bis sich dieses junge Unternehmen aber erfolgreich am Logistikmarkt etablieren kann, benötigt es neben aufgeschlossenen Wagniskapitalgebern auch das passende Know-how. Immerhin, für vier Monate sind die Gründer von MyLorry rund um CEO Maximilian von Waldenfels nun in einer exklusiven Adresse direkt in Berlin’s neuer Mitte untergekommen.

Denn Microsoft-Chef Steve Ballmer ließ es sich nicht nehmen, das an der Flaniermeile Unter den Linden angesiedelte Microsoft Startup-Center persönlich einzuweihen.

Gegenüber klassischen Startup-Inkubatoren unterscheidet sich das Haus vor allem durch exklusive Dienstleistungen, in deren Genuss die Gründer aber erst nach einer harten Auswahlprozedur gelangen.

Immerhin eine ganze Etage in Berlins angesagtem Bezirk ist in der ersten Jahrgangsklasse für die neun Startups reserviert worden. Denn der Microsoft Ventures Accelerator stellt neben einem hochkarätigen Mentorennetzwerk auch Zugänge zu mittelständischen Unternehmen und Großkunden her. Alles nur Show, um von eigenen Schwächen abzulenken. Nicht ganz, es steckt schon mehr dahinter hinter dem Gründerhype.

Welches aufstrebende Startup träumt nicht davon, sich einmal in exklusivem Ambiente in der Münchner BMW-Welt rund 30 hand verlesenen Großkunden von Microsoft präsentieren zu dürfen. Auch andere Spieler aus der IT-Branche tun es gleich. So etwa der Suchmaschinenkonzern Google, der in der Hauptstadt im Sommer sein Technologiecampus Factory für die weiter wachsende Gründerszene eröffnet hat.

Es ist vor allem die neue Sparte „Google for Entrepreneurs“, die auch mit einer nur geringen Kapitalausstattung für die Gründer einen raschen Weg in neue Märkte ermöglichen kann. Die Factory selbst fungiere dabei nicht als Inkubator, sie sei auch keine von Google betriebene oder Co-finanzierte Einrichtung, stellt Unternehmenssprecher Ralf Bremer klar. Was Google damit meint ist, dass der Konzener als Partner der Factory nicht direkt für die Inhalte und Technologie Verantwortung übernimmt, heißt, Google stellt “nur” ideelle und technische Ressourcen für die Startups auf dem Factory-Campus bereit.

Das klingt allerdings leicht untertrieben. Denn schließlich öffnet Google den Startups auch die Türen für eigene Entwickler-Gruppen, beispielsweise zu den Plattformen und Anwendungen für das mobile Betriebssystem Android. Mehr als 50 Projekte wie die Berliner Factory unterstützt Google derzeit weltweit.

Ebenso wie das Microsoft Berlin Center, das als Teil eines weltweit verzweigten Inkubatoren- Netzwerkes fungiert, steuert auch Suchmaschinenkonzern Google über die Factory nicht direkt eigenes Kapital in die junge IT-Gründerszene ein. Die Ideenbeschleuniger fungieren in erster Linie als exklusive Türöffner, was den Zugang zu frischem Wagniskapital am Ende des Tages nahezu zwangsläufig mit sich bringt. Vorausgesetzt die Gründer feilen intensiv an ihrer Geschäftsidee.

Auch die deutschen Konzerne haben den Trend erkannt. So eröffnet die Deutsche Telekom im November ihre neue „Innovation Arena“ in Berlin. Wodurch sich der “hub:raum” für Startups von klassischen Inkubatoren unterscheidet? Er unterstützt die Gründer neben der Seed-Finanzierung, Know-how und Büroräumen vor allem mit einem pragmatischen Zugang zur Reichweite und Leistungsstärke der Telekom.

Trotz exklusiver Partnerschaft – am Ende zählt dennoch „nur“ der erfolgreiche Markteintritt. Genau den bereiten die Premium-Inkubatoren jedoch in einer noch frühen Entwicklungsphase vor. So testet das israelisches Startup Screemo sein Produkt in Kürze beim Volleyball-Team der Telekom Baskets. Das Produkt ist laut Telekom gerade bei Sportereignissen interessant, denn es ermöglicht den Nutzern die Interaktion zwischen sozialen Medien, digitalen Screens und ihren Smartphones in Echtzeit.

Es sind aber keineswegs nur Unternehmen aus der IT-Branche, die in der Hauptstadt auf dem neuen Gründerflair aufsatteln. Für etablierte Spieler geht es generell darum, das eigene Kerngeschäft für die Zukunft zu wappnen. Beispiel ImmobilienScout24: Das führende Online-Portal zum Mieten und Kaufen von Haus oder Eigentumswohnung hat in der Hauptstadt die Ideenfabrik „You is now“ ins Leben gerufen. Der Inkubator ist nach der Accelerator Phase eine von vielen Alternativen, um bei der Anschlussfinanzierung zu helfen.

Dennoch braucht es jenseits vom Startup-Hype auch bei den Premium-Inkubatoren die richtige „kreativ-explosive“ Mischung, die sowohl die dort angesiedelten Startup-Szene als auch die arrivierten Platzhirsche weiter bringt. Aber ein strategischer Vorteil ist es allemal, wie bei ImmobilienScout zweifellos der Fall, neben den den klassischen und generischen Zutaten wie Finanzierung, Traffic, Beratung, Infrastruktur und Marketing, durch ein solches Programm und Team wie You is now, das Vertrauen und die Markenwahrnehmung eines etablierten Online-Unternehmens im Rücken zu haben.

Written by lochmaier

März 19th, 2014 at 10:22 am

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Was Banken von der Bitcoin-Revolution lernen können (letzter Teil)

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Anlegertypologie der Bitcoin-Investoren – Wer schöpft digitales Gold? Sind es Währungsspekulanten, frustrierte Goldanleger oder gar Weltverbesserer, die sich auf den Handelsplattformen tummeln? Auch, aber nicht nur. Außerdem gibt es noch viele andere Alternativen, wie das Beispiel des Sardex auf Sardinien zeigt.

Ich bin Währungsspekulant, gibt Patrick Siebert zu. Mehr zu seinen Motiven und seiner Performance hier.  Viele Menschen scheinen angesichts von niedrigen Zinsen und der Eurokrise das Vertrauen in das Papiergeld zu verlieren. Böse Zungen werden jetzt sagen, das berechtigte Misstrauen gelte genauso gut für virtuelle Währungseinheiten.

Und was machen unsichere Anleger dann? Nach Lesart so mancher Finanzmanager fliehen diese in „Ersatzwährungen“, zum Beispiel in die virtuelle Kunstwährung Bitcoin. Zumindest bis vor kurzem, vor der Krise. Handelt es sich also um eine „Währung der Enttäuschten“, wie es ein Artikel in der Tageszeitung WELT nahe legt?

Blicken wir etwas über den engen Tellerrand von Bitcoin hinaus. In dem Beitrag werden aber auch Grundideen zu alternativen Geldkreisläufen debattiert.  Wer den Beitrag aufmerksam gelesen hat, wird einerseits das begrenzte Potential von alten und neuen gesellschaftlichen Entwürfen feststellen, denn es ist schwierig, das Rad der Finanzindustrie komplett neu zu erfinden. Trotzdem, darum geht es hier gar nicht. Spannend ist etwas anderes, nämlich wie professionelle Investoren plötzlich auf den Zug der Zeit aufspringen und versuchen, neue Spielelemente in ihr eigenes Geschäftsmodell einzubetten.

Wie die Profis in die Bitcoin-Revolution investieren, beschreibt ein Artikel im Handelsblatt und ein weiterer auf den Online-Seiten von Format.at. So manch einer aus der Investorenszene poliert nun auch sein Image auf und sieht seinen Namen gerne in den Medien erwähnt. Hinzu gesellt sich eine weitere Gruppe, nämlich so etwas wie „Promi-Trittbrettfahrer“ aus dem Sektor Online-Handel und E-Commerce. Über diese neue Investorenschicht gibt ein Artikel via Gulli.de nähere Auskunft.

Man sollte vor allem die derzeit mehr als 100 weltweit im Umlauf befindlichen Ansätze im Blick behalten, denn deren Zielgruppen sind so bunt wie das Netz und seine neue Kommunikationskultur selbst. Es gibt also nicht den klassischen oder neumodischen Bitcoin-Anleger, sondern es ist ein Phänomen, das sich aus der Mitte der Gesellschaft speist. Es ist auch alles andere als auf Computernerds begrenzt.

Trotzdem empfiehlt sich ein nüchterner Blick auf die Struktur der Besitzverteilung, sowohl bei Bitcoin als auch den übrigen Varianten. Denn das virtuelle Geld befindet sich in den Händen weniger Nutzer, wie sich unschwer etwa über die Statistik auf der Plattform Bitcoin-Talk  erkennen lässt. Von einer Demokratisierung der Finanzwelt zu reden, scheint deshalb verfrüht.

Regionalwährungen im Aufwind

Umso mehr sollten wir den Blickwinkel zwischen lokalen und globalen Projekten erweitern. Ein spannendes Experiment mit Blick auf die Zukunft neuer Zahlungsmittel und Währungseinheiten spielt sich gerade mit Blick auf krisengeschüttelte Regionen in der Eurozone auf der Insel Sardinien ab. Denn dort existiert mit dem „Sardex“ seit kurzer Zeit eine parallele Währungseinheit, die zunächst an regionale Zahlungsmittel erinnert, die auch in Deutschland in Form von Regionalwährungen wie den „Chiemgauer“ bereits existieren.

Dabei haben sich Unternehmen auf der Insel zu einem Netzwerk zusammengeschlossen. Die Betriebe zahlen für Dienstleistungen sowie Güter in Sardex statt in Euro. Die mittlerweile rund 1600 Mitglieder gewähren sich dabei untereinander einen zinsfreien Kredit, berichtet die österreichische Wirtschaftszeitung der Standard. Münzen oder Banknoten gebe es nicht, der Saldo jedes Mitglieds werde auf einem Onlinekonto verbucht. Hinter dieser privat initiierten Idee verbirgt sich vor allem die Idee, ausgelöst durch die Eurokrise, nach einem Ausweg aus der Liquiditätskrise zu suchen.

Denn das Gros der Banken verleiht den sardischen Klein- und Mittelbetrieben kaum noch Kredite, was zu einem stockenden Geldfluss auf der italienischen Insel geführt hat. Dies vor dem Hintergrund, dass dort täglich mehr als fünf Betriebe ihre Geschäftstätigkeit einstellen müssen. Die Arbeitslosenquote liegt mittlerweile bei fast 19 Prozent. Wenngleich der Erfolg der alternativen Regionalwährung Sardex sich innerhalb gewisser Grenzen halten dürfte, so wird deutlich, wie sich hier das Thema der dezentral gesteuerten Währungskreisläufe um eine weitere Facette anreichert.

Fazit: Zwischen Gewinnern und Verlierern

Es gibt bei den Bitcoins, wie in der gesamten Finanzwelt der Fall, eine asymmetrische Verteilung von Gewinn und Reichtum. Insofern taugt die virtuelle Währungseinheit nicht als sozialromantisches Experiment für eine gerechtere Gesellschaft, in der die Kluft zwischen Arm und Reich nicht weiter wächst. Auf der anderen Seite zeigt die Wachstumsdynamik, dass virtuelle Währungen frische Farbe ins Spiel einer eintönigen Finanzindustrie bringen können. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Written by lochmaier

März 12th, 2014 at 9:25 am

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Was Banken von der Bitcoin-Revolution lernen können – Teil III

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Wie ist es um das virtuelle Spielgeld zwischen Crowdfunding, Mobile Payment und P2P-basierten Geschäftsmodellen bestellt? Dass staatliche Institutionen gemeinsam mit den Banken gegen die Bitcoin-Revolution ins Feld ziehen, ist einerseits verständlich, braucht aber auch nicht zu verwundern.

So reihte sich im Januar auch die Bundesbank in die Reihe der Mahner ein, indem sie davon sprach, die Internetwährung sei hoch spekulativ und es gebe keine staatliche Garantie für die Anleger. Noch ist offen, was die Zentralbanken und andere staatliche Aufsichtsorgane mit der Bitcoin-Revolution und dem Hype um diese virtuelle Währungseinheit unternehmen werden.

Die Bundesbank sieht das Vertrauen als deutlich geschwächt an. Ein Verbot erscheint wahrscheinlicher als noch vor Monaten. Zumal die bis dato am Markt führende Plattform Mt.Gox seit Februar dieses Jahres um ihr Überleben kämpft.

Dieses Statement verwundert jedoch insofern etwas, weil es doch im Zuge der Finanzkrise der Steuerzahler selbst war, der von der Finanzindustrie in die Haftung für Schäden genommen wurde, die infolge der Exzesse auf den Kapitalmärkten entstanden waren. Wirft da etwa einer, der selbst im Glashaus sitzt, mit Steinen, die am Ende auf ihn selbst zurückfallen? Wohl gemerkt, es geht mir hier nicht darum, das Handelstreiben auf den Bitcoin-Plattformen zu glorifizieren. Aber es sollte schon deutlich sein, dass es sich hier nicht nur um einen kurzlebigen Modetrend handelt.

Denn Bitcoin verweist zum einen auf kreative technische Möglichkeiten, eigene Zahlungskanäle und –weisen durch und mit dem Netz zu etablieren. Mehr noch: Es ist auch ein Wettbewerb des Alten gegen das Neue. Unzählige Entwickler haben sich zusammen getan, um auch jenseits von Bitcoin spannende Ideen, Experimente und Projekte zu starten. Man sollte also nicht pauschal urteilen und das Kind mit dem Bade ausschütten.

Es ist am Ende sogar unerheblich, ob die Bitcoins wieder von der Bildfläche verschwinden. Es gibt zahlreiche Platzhalter, die einspringen, um neue Farbtöne in das eintönige Treiben der Finanzindustrie zu bringen. Natürlich wird es nach jedem Hype auch eine Phase der Ernüchterung geben, bis sich neue Technologien und Dienstleistungen auf breiter Front durchsetzen. Aber das Netz wird ebenso wenig verschwinden wie die virtuellen Währungseinheiten.

Denn sie sind längst ein Eckpfeiler um den neuen Mikrokosmos Crowdfunding, Mobile Payment und neuen Peer-to-Peer-basierten Geschäftsmodellen, die die klassischen Banken scheuen wie der Teufel das Weihwasser. Denn die Nutzer selbst sind in diesem Prozess deutlich stärker an der Entstehung von Dienstleistungen und Produkten, sprich am Fluss des Geldes, beteiligt. Und genau dieser Umstand macht die Bitcoin-Revolution so brisant, denn bislang sehen Banken den mündigen Verbraucher als verzichtbaren Einflussfaktor für das eigene Kerngeschäft an, zum Beispiel beim Provisionsbasierten Fondsmanagement.

Hören wir dazu eine Stimme aus der Finanzbranche selbst. Der Autor und Vermögensverwalter Georg von Wallwitz vermittelt in seinem Werk „Odysseus und die Wiesel“ – Eine fröhliche Einführung in die Finanzmärkte“ auszugsweise grundlegendes Wissen zur Philosophiegeschichte und Funktionsmechanik der Finanzmärkte. Einige Auszüge:

„Es gibt viele Menschen, die Produkte verkaufen, die Mist sind. Die Finanzindustrie hat da kein Alleinstellungsmerkmal“ (S. 126).

„Aber der uneinholbare Informationsvorsprung, den Banken und Vermögensverwalter haben, bedeutet, dass das Spiel immer wieder unfair sein wird. Gewinner und Verlierer stehen dann von vornherein fest“ (S. 119).

„Wirklich unappetitlich wird es erst am unteren Ende der Nahrungskette, beim Plankton, bei den so genannten Privatkunden. Oft genug werden dort ohne Scham und ohne moralische Bedenken gutgläubige Menschen um ihre Ersparnisse gebracht. Es werden Aktien verkauft, die intern mit dem Kürzel ‚POS’ gekennzeichnet werden, was für piece of shit steht. Es werden Anleihen verkauft, welche die Bank nicht mehr in den eigenen Büchern haben will, weil sie dem Emittenten nicht mehr traut. Es werden Fonds oder ‚Strukturen’ (gerne auch ‚Zertifikate’ genannt, was nach Sicherheit klingt) verkauft, die mit gewaltigen Gebühren und sehr wenig geistigem Aufwand belastet sind“ (S. 118).

Quelle: Georg von Wallwitz

Soweit einige Ausführungen des Finanzmanagers Georg von Wallwitz. Wer sich die Lage wirklich bewusst macht, der erkennt, dass Bitcoins auch von Menschen initiiert und forciert sind, die nach anderen Spielregeln jenseits des Daseins als „Plankton in der Nahrungskette“ Ausschau halten, und die bereit sind, dafür zu arbeiten. Natürlich werden virtuelle Währungseinheiten keine Antwort auf die Defizite der Finanzindustrie liefern können. Aber es gibt neben dem rein spekulativen Anreiz genug Motive, warum sich der Boom weiter fortsetzen wird, mit oder ohne Bitcoins an der Spitze der neuen Nahrungskette.

Fazit: Bislang fehlt es an einer fundierten Auseinandersetzung mit diesem gesellschaftlichen Phänomen jenseits von Schwarz-Weiß-Malerei. Die Motive der Investoren, Entwickler und Unternehmer sind vielfältig. Deshalb folgt im letzten Teil dieser Serie eine Beschreibung der Anlegertypologie zu den Bitcoin-Protagonisten, um den vielfältigen Motiven auf den Grund zu gehen, sich dieser waghalsigen virtuellen Währungseinheit zu verschreiben.

Und – so viel sei schon verraten, ich werde demnächst auch ein neues Geschäftsmodell vorstellen, unter dem Titel “Virtuelle Währungshüter”.

Written by lochmaier

März 5th, 2014 at 10:31 am

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Interview mit „Investmentpunk“ Gerald Hörhan: Wie viel Finanzschule verträgt und braucht der Privatanleger?

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Deutschland, ein Land des finanziellen Analphabetismus? Etwas ist schon dran: Der selbst ernannte „Investmentpunk“ Gerald Hörhan – siehe das frühere Interview auf Social Banking 2.0: Finanzwelt Inside – Banker mutieren zu Investmentpunks - hat vor zweieinhalb Jahren eine Finanzschule gegründet, um Privatpersonen für mehr Bildung in finanziellen Fragen des Lebens zu motivieren. Das ist einerseits ein gutes Geschäft, andererseits scheint es dringend notwendig zu sein.

Der ganze Spaß, sprich, die Seminargebühren sind allerdings nicht ganz billig. Aber was nichts kostet, ist auch nichts wert, sagt der Volksmund. Brennende Fragen gibt es trotzdem recht viele. Wie viel Finanzbildung braucht es, um erfolgreich zu sein? Kann der private Anleger den Fluss des Geldes überhaupt selbst produktiv steuern oder bleibt dies ein unerreichbares Ziel? Kurz, welche Kenntnisse und Fertigkeiten kann solch eine Finanzschule vermitteln?

Social Banking 2.0: Herr Hörhan, in Ihrem Buch Investmentpunk schildern Sie die Mittelschicht als willfährig funktionierend im Hamsterrad. Sie empfehlen den Lesern auszubrechen und zurückzuschlagen. Wie viele Buchexemplare haben Sie denn verkauft, wie fiel die inhaltliche Resonanz aus?

Gerald Hörhan: Von dem Buch Investmentpunk sind rund 70.000 Exemplare verkauft worden. Es dürfte mittlerweile von mehr als 100.000 Menschen gelesen worden sein. Viele Menschen sind beispielsweise dazu bewogen worden, eine Eigentumswohnung zu kaufen, keine Konsumschulden zu machen und auch sonst keinen Blödsinn mit ihrem Geld anzustellen. Die Resonanz ist also insgesamt sehr positiv zu sehen. Auch viele junge Menschen haben das Buch gekauft, die im Leben etwas erreichen möchten und berechtigterweise die alten Eliten und Patentrezepte in Frage stellen.

SB 2.0: Vor zweieinhalb Jahren haben Sie eine Finanzschule gegründet, um den Menschen den richtigen Umgang mit dem Geld zu vermitteln. Wie kam es zu der Idee und was ist das Ziel?

Wir möchten den Teilnehmern des Seminars zunächst wirtschaftliche Grundbegriffe näher bringen, die es für den richtigen Umgang mit dem Geld braucht. Im zweiten Schritt lernen die Teilnehmer dann konkret und detailliert, wie man etwa Immobilien, Aktien und Anleihen kauft oder Firmenanteile erwirbt. Es ist wie bei einer Fahrschule, denn ähnlich wie beim Autofahren sollte man vorher einen Kurs machen, um sich erfolgreich auf den Finanzmärkten bzw. als Investor zu bewegen.

SB 2.0: Wie sieht in der Finanzschule die Aufgabenteilung zwischen Ihnen und Ihren Partnern aus?

Wir verkaufen keine Finanzprodukte, sondern befähigen die Leute, selbst erfolgreich zu sein. Dazu sind unterschiedliche Sichtweisen wichtig, zu denen wir mit der Finanzschule beitragen, aus denen die Teilnehmer die für sie jeweils passenden Schlussfolgerungen ziehen können.

SB 2.0: Dass normale Menschen von Banken abgezockt werden ist nicht neu, aber wie kann der normal begabte Finanzanleger denn dagegen ankommen?

Das wichtigste Rezept besteht darin, erst einmal keine Konsumschulden zu machen, oder kein Eigenheim auf Pump auf dem Land zu kaufen. Denn deren Wert sinkt aufgrund des Standorts in Zukunft. Ich rate deshalb zu einem Investment von kleineren Immobilien, sprich Eigentumswohnungen in größeren und mittleren Städten, deren Bewertung man allerdings genau unter die Lupe nehmen sollte. Da die Immobilienpreise in den letzten 2 Jahren stark angestiegen sind, muss man auch hier sehr vorsichtig sein. Der Normal Begabte könnte sich außerdem entweder selbst intensiver mit dem Investieren beschäftigen oder aber einen guten Berater suchen. Auch hierfür liefern wir entsprechendes Know how und Bewertungskriterien. Aber noch einmal, die wichtigste Erkenntnis für Viele lautet erst einmal, jegliche Form von Konsumschulden zu vermeiden.

SB 2.0: Auf Ihrer Homepage sagen Sie, dass das Leben für 80 Prozent der Kursteilnehmer anschließend ohne nennenswerte Änderungen weiter geht. 20 Prozent aber würden beginnen, ihr Leben in finanziellen Dingen auf den Kopf zu stellen. Wie kommen Sie zu dieser Einschätzung?

Das ist unser Praxiswert, der in etwa dem Vergleich aus amerikanischen Finanzseminaren entspricht. Wodurch kommt die hohe Quote zustande? Den meisten Menschen fehlt es an Disziplin. Wer die mitbringt und ein gewisses Streben entwickelt, der hat gute Karten, erfolgreich auch in Dingen der Geldanlage zu sein.

SB 2.0: Wie sehen denn die Teilnehmer aus, aus welchen sozialen Schichten und Berufsgruppen stammen sie, gibt es auch Frauen, die sich für das Thema interessieren?

Da haben wir ein buntes Bild, von Alt bis Jung ist alles vertreten. Auch zwischen Arm und Reich ist alles vertreten. Wir haben rund 40 bis 80 Teilnehmer pro Kurs.

SB 2.0: Wenn man hinter die Kulisse der Finanzschule blickt, so fällt auf, dass sich letztlich auch dort wieder professionelle Vermögensberater hinter den Coaching-Angeboten verbergen. Ist das nicht ein Widerspruch in sich, den Menschen einerseits den selbstbewussten Umgang mit den eigenen Finanzen zu vermitteln und sie andererseits doch wieder in die Fänge der so genannten Finanzberater = Produktverkäufer weiter zu reichen?

Vermögensberatung selbst bieten wir übrigens keine. Das ist ein Missverständnis. Wir bieten aber Coaching-Angebote an, um einzelne Themen Eins-zu-Eins weiter zu vertiefen. Die Palette umfasst dabei ganz unterschiedliche Aspekte, die ganz von den Bedürfnissen der jeweiligen Teilnehmer abhängen. Wir bieten beispielsweise Workshops und individuelle Coachings an wo wir erklären, wie man eine Immobilie kauft oder sich an einer Firma beteiligt.

SB 2.0: Es gibt viele denkbare und wenig erfolgreiche Patentrezepte, über Nacht reich zu werden. Haben Sie in Bitcoins investiert?

Über Nacht wird man nicht reich, Vermögen aufzubauen ist harte Arbeit. Mit Bitcoins habe ich mich noch nicht beschäftigt, daher kann ich hier keine fundierte Meinung abgeben.

SB 2.0: Hätten Sie ein solches Investment in Ihrem Kurs empfohlen?

Ich müsste mich damit deutlich mehr beschäftigen, um hierüber eine klare Aussage treffen zu können.

SB 2.0: Kann es überhaupt ein Ziel sein, für einen berufstätigen Menschen, sich nebenher mit der Aktienanlage zu beschäftigen?

Selbstverständlich. Man sollte sich allerdings ein bis zwei Jahre intensiv mit der Materie beschäftigen bevor man beginnt zu investieren.

SB 2.0: Auf welche Strategie sollte der Privatanleger dabei setzen, sich nach und nach eigenes Know-how anzueignen, um irgendwann mit dem Handeln von Einzelaktien erfolgreich zu sein?

Mit wenig Geld ist dies kaum möglich, denn unter 1.000 Euro pro Transaktion sind die Transaktionskosten zu teuer, denn auch bei einem Discount Broker beträgt die Minimalgebühr zirka 10 Euro. Um das Depot breiter aufzustellen und zu streuen, benötigt man etwas mehr Kapital und natürlich neben Geduld auch das Know how.

SB 2.0: Wie sieht es mit „Daytrading“ aus, also dem Ausnutzen kurzfristiger Kursbewegungen während dem täglichen Börsenhandel?

Das lässt sich nebenher nicht bewerkstelligen, sondern wäre ein Fulltime-Job.

SB 2.0: Sollte man statt sich in der Anlage über einzelne Aktien aufzureiben, nicht doch lieber beispielsweise preisgünstige Indexfonds (so genannte ETF) bevorzugen, die das Risiko etwas breiter streuen?

Hier ist spezifische Kenntnis erforderlich, man muss den Prospekt genau lesen. Ich bevorzuge lieber direkte Investments, da fallen in der Regel weniger Gebühren an.

SB 2.0: Welche Rolle spielt Gold in Ihrer Philosophie?

Derzeit sind die Bewertungen wieder günstiger geworden. Der Vorteil ist ihr Inflationsschutz, sowie die Möglichkeit, Gold in Krisensituationen mitnehmen zu können, der Nachteil ist, dass sie in US-Dollar gehandelt werden und keine Zinsen abwerfen. Fünf Prozent vom gesamten Depot kann man aber als Faustregel für Edelmetalle empfehlen.

SB 2.0:  Sie vertreten die Philosophie, dass eine Aktie dann interessant ist, wenn deren Buchwert höher als ihr Marktwert an der Börse ist. Kaufen Sie immer noch zu Monatsbeginn unabhängig von den Kurschwankungen am Markt einzelne Aktien oder hat sich Ihre Strategie mittlerweile geändert?

Ich setze da auf den Cost Average Effekt, der sich langfristig als Vorteil auswirkt, da der Durchschnittskurs beim Einkauf günstiger wird und die Emotionen draußen sind. Das ist aber nur eine von mehreren Komponenten, nach denen wir investieren. Unser System umfasst aber auch wirtschaftliche Basisindikatoren und andere Bewertungskriterien, woraus wir unser eigenes System gestrickt haben. Von automatisierten Tools sehen wir ganz ab.

SB 2.0: Sie werben auch mit dem Flair von Direktinvestitionen, was verstehen Sie darunter?

Man kann sich zum Beispiel direkt an einer Firma beteiligen, was sehr ertragreich sein kann, zum Beispiel an einem nicht an der Börse notierten Unternehmen, und dort entweder sein Know-how und/oder Kapital einzubringen. Aber hier ist besonders viel Know How erforderlich, sonst ist das Geld schnell weg.

SB 2.0: Darunter fiele auch die neue Investmentform Crowdinvesting, wo man über spezialisierte Internetplattformen direkt in mittelständische Unternehmen oder Startups sein Geld einsteuern kann. Was halten Sie davon, ist das ein Modethema für Sie?

Das Problem ist das mangelnde Mitspracherecht des Anlegers. Für die Unternehmen ist das sicherlich ein gutes Geschäft. Der private Investor muss dann aber sehen, wo sein Geld konkret bleibt. Wenn ein Private Equity Fonds in eine Firma investiert, hat er spezielle Mitsprache- und Kontrollrechte, bei den Crowdinvesting-Plattformen hingegen gibt es kaum direkte Einflussmöglichkeiten, was mit dem Geld der Anleger geschieht.

SB 2.0: Wie schätzen Sie Anleger ein, die sich der Hilfe anderer bei der Aktienanlage über Social Trading Plattformen bedienen. Sehen Sie die finanzielle Schwarmintelligenz, sich hier an erfolgreiche Trader anzuhängen, die stellvertretend für den Privatanleger das investierte Geld managen, als viel versprechend an?

Ich würde sagen, dass man davon zwar etwas lernen kann, aber letztlich sollte man doch ein eigenes System entwickeln, sprich, sich hier selbst das notwendige Rüstzeug für die Börse aneignen. Den richtigen Ein- und Ausstieg sollte man selbst steuern und überblicken.

SB 2.0: Wie legen Sie Ihr Geld persönlich an, wie investieren sie es, und welche Rolle spielt das Konsumieren in ihrem Leben?

Ich selbst verdiene mehr als ich ausgebe. Mit unserer Firma Pallas Capital verfolgen wir ansonsten ein opportunistisches Konzept des Investierens. Wir können auch länger abwarten, bis die richtige Gelegenheit kommt. In den letzten fünf Jahren haben wir viel in deutsche Immobilien investiert. Diese Zeit scheint jetzt allmählich abgelaufen, der Markt ist überteuert. Des Weiteren haben wir in direkte Firmenbeteiligungen investiert und in unterbewertete Aktien. Derzeit suchen wir nach neuen Anlagesystemen, wobei es auch hier keine Blaupause gibt. Man muss die Risiken und Chancen immer sorgfältig abwägen, und sich sehr gut auskennen.

SB 2.0: Noch ein Ausblick: Kann es für eine in sozialen Verpflichtungen und Zwängen gefangene Mittelschicht überhaupt ein realistisches Ziel sein, aus dem Hamsterrad auszubrechen. Welche Voraussetzungen müsste man hierfür mitbringen?

Zum ersten benötigen Sie Disziplin. Hinzu kommt ein Grundverständnis für die Relation von Risiko und Ertrag. Dann sollten sie sich, zumindest was den Bereich der Geldanlage angeht, mit Menschen umgeben, die wirtschaftlich und finanziell erfolgreich sind. Auch von finanziellen Einflüsterern, denen man blindlings vertraut, sollte man sich fernhalten. Und schließlich benötigen Sie noch einen gewissen Erfolgshunger, auch in finanziellen Dingen im Leben erfolgreich sein zu wollen.

Interview: Lothar Lochmaier

Written by lochmaier

Februar 26th, 2014 at 9:40 am

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Startups: Grüne Gründerhauptstadt im Aufwind

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Die deutsche Hauptstadt macht nicht nur durch zahlreiche IT- und Internet-Startups von sich Reden. Auch Neugründungen im Bereich der „Green Economy“ sind immer mehr im Kommen. Nach Angaben der Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK) tummeln sich derzeit etwas mehr als 100 grüne Startups (die Elektromobilität mal eingerechnet): Das macht nicht nur in Berlin, sondern auch bundesweit Hoffnung, im Bereich der grünen Wachstumsökonomien ganz vorne mitzuspielen.

Ein kurzer Einblick in die Berliner Startup-Szene verrät, wie viel versprechend und vielfältig die Neugründungen hier sind. Da ist zum Beispiel der Forschungspark „EUREF-Campus“ im Berliner Stadtteil Schöneberg (http://www.eurefcampus.de/de). Hier haben sich zahlreiche junge Unternehmen und Ausgründungen von Universitäten nieder gelassen. Mit Unterstützung des Europäischen Instituts für Innovation und Technologie (EIT) und der Climate-KIC (Knowledge and Innovation Community, http://www.climate-kic.org) werden hier Projekte im Bereich der Erneuerbaren Energien und Elektromobilität angestoßen. Das Ziel: Deutschland und Europa wirtschaftlich durch Know-How, Firmen und Jobs in den Zukunftstechnologien voranzubringen und zu stärken.

Bemerkenswert ist auch, dass sich grüne Neugründungen inzwischen auch in Stadtgebieten ansiedeln, wo man sie zunächst nicht unbedingt vermuten würde. So wird im Stadtgebiet Marzahn mit dem „CleanTech Business Park“ in den kommenden zwei Jahren ein rund 90 Hektar großer Industriepark entstehen. Das Angebot richtet sich ausschließlich an Unternehmen und Neugründungen aus der „grünen Szene“. Es soll einem breiten Spektrum produzierender Unternehmen der Solarenergie, Windkraft und Biomasse, der Batterieproduktion und den Wassertechnologien eine neue Heimat bieten, bis hin zu Recycling- und Entsorgungsunternehmen.

Andere Jungunternehmer wiederum haben sich schon heute im Wissenschaftspark Berlin-Adlershof angesiedelt oder tummeln sich im Charlottenburger Innovations-Centrum (CHIC) in unmittelbarer Nähe zur Technischen Universität. Und auch hier wird Zukunft gestaltet: Im nächsten Jahr soll an der Charlottenburger Bismarckstraße auf einer Fläche von mehr als 5.000 Quadratmetern ein neues Gebäude entstehen. Dieses wird explizit auf die Bedürfnisse ökologischer Jungunternehmer ausgerichtet und auch nur diesen zur Verfügung stehen.

Der Schnelldurchlauf zur Berliner Startup-Szene zeigt, dass die Hauptstadt im Bereich der erneuerbaren Energien sicherlich eine Vorreiterrolle spielen kann. Die industriell erfolgreichen Kernbereiche und Global Player, sprich die Export orientierten Industrien lassen grüßen. Neben den ressourcentechnischen müssen aber auch die finanziellen Voraussetzungen stimmen, wenn die grüne Wirtschaft hier wachsen und überdurchschnittlich gedeihen soll.

Denn gerade neue Umwelttechnologien benötigen einen mittel- bis langfristigen Planungshorizont, was den Investoren einen langen Atem abfordert. Kurzfristig und schnell wird man da nicht Kasse machen können. Und öffentliche Fördermittel allein werden auch nicht ausreichen, um Berlin im internationalen Maßstab zur europäischen Gründerhauptstadt in Sachen Ökoinnovation zu erheben. Neben Kapital und einem leistungsfähigen Netzwerk braucht es dazu auch die enge Anbindung zu großen Wirtschaftsunternehmen, um Bahn brechendes gemeinsam vorwärts zu treiben.

Immerhin, ein erstes viel versprechendes Projekt, um die grüne Gründerszene nach innen wie nach außen gut zu vernetzen, hat das unabhängige Forschungsinstitut für Innovation und Nachhaltigkeit „Borderstep“ (www.borderstep.de) gestartet. Und zwar kürzlich mit der bundesweiten Initiative „startup4climate“ (www.startup4climate.de). Die Chancen steigen also, die Entwicklung in Richtung „grün“ voranzutreiben, bietet doch gerade die Anbindung an die Berliner Fachhochschulen und Universitäten mit ihrem hohen Potential an Fachkräften eine gute Ausgangslage. Natürlich ist dies erst ein Tropfen auf den heißen Stein.

Dennoch, das Glas ist eher halb voll als leer. Auch das „Drumherum“ stimmt zumindest in Berlin. Für reichlich Nachwuchs dürfte gesorgt sein. Denn ein Blick auf die Plattform „Youthfulcities“ (http://www.youthfulcities.com) zeigt, dass Berlin eine bei jungen Leuten äußerst beliebte Stadt ist. Mehr noch: Die Initiative Youthfulcities sieht die deutsche Hauptstadt in ihrem jährlichen Städteranking bei jungen Europäern gar als erste Wahl. Hinter anderen Metropolen wie New York oder London braucht sich Berlin demnach nicht zu verstecken.

Eine immer noch erschwingliche Infrastruktur, dürfte gerade für junge Gründer attraktiv sein. Dabei allein sollte es natürlich nicht bleiben. Alles in allem also trotz gewisser Defizite gute Voraussetzungen für eine grüne Zukunft in Berlin. Damit wächst die Hoffnung, dass es dem einen oder anderen noch verborgenen Champion sogar gelingen möge, mit einer bahn brechenden Geschäftsidee auf dem Weltmarkt Fuß zu fassen.

Written by lochmaier

Februar 18th, 2014 at 10:33 am

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Interview mit Georg von Wallwitz zur Gegenwart und Zukunft der (Aktien)Fondsindustrie – Wird 2014 das Jahr des Planktons in der unteren Nahrungskette?

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Der Autor und Finanzmanager Dr. Georg von Wallwitz vermittelt in seinem viel beachteten essayistischen Werk „Odysseus und die Wiesel – Eine fröhliche Einführung in die Finanzmärkte“  auf leicht lesbare Art und Weise einen Einblick in die philosophische Geschichte und das Denken in der Finanzindustrie.

Spätestens seit der Finanzkrise in der Kritik stehen dabei auch die teuren und wenig kundengerechten Produkte, die die Fondsindustrie vor allem mit Blick auf die Aktienmärkte kreiert. Im Interview mit Social Banking 2.0 erklärt Georg von Wallwitz, warum er nicht an eine Läuterung glaubt und gibt einen Ausblick auf das laufende Börsenjahr.

Andererseits: So stieg beispielsweise der DAX im vergangenen Jahr um 25,5 Prozent auf 9552 Punkte. Kursgewinne bescherten den Besitzern von Aktien, Fonds und Zertifikaten Wertzuwächse von insgesamt rund 110 Milliarden Euro. Doch im internationalen Vergleich investierten die Deutschen mit gut sechs Prozent (Ende 2013) nur einen geringen Teil ihres Geldvermögens in Aktien. Viele Privatanleger scheinen sich nach früheren Crashs komplett vom Aktienmarkt verabschiedet zu haben. Blicken wir also hinein in die Glaskugel, oder genauer gesagt, hinter die Glasfassade in der Finanzwelt, in der der Endkunde nicht viel mehr als “Plankton in der unteren Nahrungskette zu sein scheint.

Social Banking 2.0: In Ihrem Buch kritisieren sie weite Teile der Finanzindustrie als unnütze Parasiten, die der Gesellschaft insgesamt mehr schaden als dienen. Ich zitiere aus Ihrem Buch: „Es gibt viele Menschen, die Produkte verkaufen, die Mist sind. Die Finanzindustrie hat da kein Alleinstellungsmerkmal“ (S. 126). Können Sie erläutern, warum es sich manche Branchen mehr als andere erlauben können, ungestraft gegen die Kundeninteressen zu handeln?

Georg von Wallwitz: Das gibt es immer dort, wo eine Informationsasymmetrie herrscht, von der der Anbieter profitiert, beispielsweise im Bereich von Kosmetika. Das ist in der Finanzindustrie nicht weniger der Fall als in vielen anderen Sektoren. Der Kunde glaubt an die Vorstellung, dass trotzdem etwas Sinnvolles hinter der Verpackung steckt. Der Kern der Geheimnistuerei, die die Finanzindustrie als notwendige Voraussetzung für seriöse Bankgeschäfte darstellt, ist aber oft nur eine Rechtfertigung, hinter den Kulissen unbehelligt agieren zu können. Dadurch entsteht die besondere Informationsasymmetrie.

Ein weiteres Zitat aus Ihrem Werk: „Aber der uneinholbare Informationsvorsprung, den Banken und Vermögensverwalter haben, bedeutet, dass das Spiel immer wieder unfair sein wird. Gewinner und Verlierer stehen dann von vornherein fest“ (S. 119). Hat sich daran seit der Finanzkrise und der möglicherweise gestiegenen Sensibilität für Finanzfragen in der Bevölkerung nichts wirklich verbessert?

Georg von Wallwitz: Das ist schwer zu sagen. Die Menschen sind sich zwar mehr als früher bewusst darüber, dass sie oft über den Tisch gezogen werden. Sie wissen aber kaum, was sie dagegen unternehmen sollen. Schuld sind aber nicht nur die Verkäufer von Finanzprodukten, sondern zu einem guten Teil auch die Anleger, bei denen die Gier das Hirn frisst. Wenn einer um die Ecke kommt, zehn und mehr Prozent Rendite verspricht, und die Leute sich darauf einlassen, dann kann man leider nur den Schluss ziehen, dass der Mensch getäuscht werden will. Alberne Renditeziele werden jedenfalls nicht so leicht aus der Welt verschwinden, dazu verkaufen sie sich zu gut.

Und noch ein letzter Buchauszug: „Wirklich unappetitlich wird es erst am unteren Ende der Nahrungskette, beim Plankton, bei den so genannten Privatkunden. Oft genug werden dort ohne Scham und ohne moralische Bedenken gutgläubige Menschen um ihre Ersparnisse gebracht. Es werden Aktien verkauft, die intern mit dem Kürzel ‚POS’ gekennzeichnet werden, was für piece of shit steht. Es werden Anleihen verkauft, welche die Bank nicht mehr in den eigenen Büchern haben will, weil sie dem Emittenten nicht mehr traut. Es werden Fonds oder ‚Strukturen’ (gerne auch ‚Zertifikate’ genannt, was nach Sicherheit klingt) verkauft, die mit gewaltigen Gebühren und sehr wenig geistigem Aufwand belastet sind“ (S. 118). Wie sieht es damit sechs bis sieben Jahre nach der Finanzkrise aus, hält auch hier das business as usual an?

Georg von Wallwitz: Ich erkläre es mal mit einem Beispiel aus unserem Alltag: Wir hatten kürzlich einen Fall in unserem Büro, wo ein Mann, der seit einer Weile an Alzheimer zu erkranken begann, von Seiten einer Großbank fast jeden Monat mit einem neuen Schiffsfonds versorgt wurde. Bei diesen ging es ausschließlich um die Provision der Bank. Und der Berater hat ausgenutzt, dass für den Kunden der Schiffsfonds jedes Mal eine neue Geschichte war.

Einige Fondsanbieter in Deutschland haben sehr kreative versteckte Gebührenmodelle entwickelt, die Verbraucherschützer kritisieren. Wird sich wenigstens daran etwas ändern?

Georg von Wallwitz: Die Fondsindustrie steht etwas stärker im Fokus der europäischen Regulierer, so dürfte das Ausweisen einer Gesamtkostenquote (Total Expense Ratio)  eine gute und richtige Sache sein, so dass die Gebührensystematik transparenter wird.

Welches Leistungs- und Gebührenmodell legen Sie in Ihrem Unternehmen zugrunde, um einen fairen Deal für alle Seiten zu ermöglichen?

Georg von Wallwitz: Auch wir sind in gewisser Hinsicht überbezahlt, was ich gar nicht verhehlen möchte. Seit der Zeit des Philosophen und Theologen Thomas von Aquin lässt sich die gerechte Bezahlung so definieren, die sich aus den Herstellungskosten des Produkts zusammen setzt und dem marktüblichen Preis. Wir liegen in der Mitte zwischen dem ortsüblichen Preis, sind billiger als der Durchschnitt, aber natürlich auch deutlich über den Herstellungskosten. Nach der Theorie der marginalen Kosten sind wir also überbezahlt, aber nach der gängigen Praxis unterbezahlt. Im Schnitt über allem liegen wir bei einem Gebührenmodell von 0,6 Prozent, wobei die größeren Depots die kleineren Depots natürlich immer auch ein bisschen quer subventionieren – obwohl sie einen höheren Prozentsatz zahlen. Für 40 Euro im Monat kann man kein individuelles Portfoliomanagement betreiben. In dem Sinne haben wir einen kleinen Robin Hood Faktor eingebaut, was bei der Honorarberatung nach Stundensatz abgerechnet übrigens so nicht stattfindet.

Auf der anderen Seite sind deutsche Anbieter im vergangenen Jahr offenbar zu konservativ mit dem Geld der Anleger umgegangen, so dass die Erfolgsbilanz ausländischer Vertreter, glaubt man den Zahlen, deutlich besser ausgefallen ist. Wie sehen Sie die deutsche Fondsindustrie im internationalen Kontext?

Georg von Wallwitz: Die deutschen Anleger sind tendenziell sehr risikoavers. Dazu ist die Aktie einfach nicht genug verankert. Der Vermögensverwalter hat dann ein asymmetrisches Risikoprofil, wenn der Markt zehn Prozent nach oben geht, dann scheint alles, was unter sieben Prozent Rendite liegt, schlecht zu sein. Und im andern Fall, wenn es zehn Prozent nach unten geht, dann ist alles, was über minus drei Prozent liegt, in der Wahrnehmung des Anlegers schlecht. Das hält den Vermögensverwalter eher zur Vorsicht an. Eine Underperformance in einem steigenden Markt wird diesem lange nicht so übel genommen wie eine Underperformance in einem fallenden Markt. Diese Asymmetrie wird auch durch Umfragen zur Zufriedenheit mit den Produkten erhärtet.

Sie selbst waren einige Zeit in der Fondsindustrie bei einigen namhaften Anbietern beschäftigt. Was hat Sie damals motiviert, dort auszusteigen und ein eigenes Unternehmen der Vermögensverwaltung zu gründen?

Georg von Wallwitz: Ich bin von Grund auf der Typ Selbständiger und schreibe ja auch Bücher, was gar nicht ginge, wäre ich Angestellter. Ich habe dazu einen Oberlehrertouch und meinen Vorgesetzten immer wieder gesagt, was sie besser machen können. Das kam nicht gut an. Eine klassische Karriere wäre mir so sicher verbaut gewesen. Ich habe natürlich auch die Chance gesehen, mich mit einem eigenen Unternehmen selbstständig zu machen.

Ist es nicht wie bei Dr. Jekyll und Mr. Hyde ein gewisser innerer Widerspruch, einerseits zwar kein moralisches, aber dennoch ein kritisches Buch über das seltsame Treiben der Fondsindustrie zu schreiben und selbst parallel dazu auch eigene Produkte in diesem Bereich aufzulegen?

Georg von Wallwitz: Es gibt natürlich auch Bücher, die sagen, ich war 20 Jahre bei Goldman Sachs und rechne jetzt mit allem ab. Ich schreibe kein Abrechnungsbuch, weil ich den sozialen Nutzen der Finanzindustrie, all den Unappetitlichkeiten der letzten Jahre zum trotz, durchaus anerkenne. Es ist auch nicht mein Anspruch, mich moralisch auf’s hohe Ross zu setzen. Auch fordere ich nicht die Abschaffung oder Verstaatlichung der Finanzindustrie, zumal es in anderen Branchen auch nicht viel besser zugeht. Ich möchte charakterisieren, wie die Branche grundsätzlich funktioniert, etwas, was sich auch in zehn Jahren noch lesen lässt. Literatur nur für den Tag zu schreiben, hat keinen Reiz für mich. Die Mechanismen, die ich aufzeige, werden jedenfalls auch in Zukunft noch funktionieren. Was aber klar ist, dass die Finanzindustrie aufgrund ihrer besonderen Bedeutung eine Schlüsselrolle einnimmt, denn eine Deutsche Bank könnte nicht wie ein Mobilfunkunternehmen, das gerade Pleite macht, einfach so ersetzt werden. Daher muss sie besonders reguliert werden.

Blicken wir etwas losgelöst vom persönlichen Umfeld in das Geschehen der Fondsanbieter hinein. Die in der Öffentlichkeit bekanntesten Vertreter dieser Spezies sind die drei großen Spezialisten Union Investment für die Volksbanken, Deka für die Sparkassen und DWS für die Privatbanken (Deutsche Bank). Wie nehmen Sie den Markt seit der Finanzkrise wahr?

Georg von Wallwitz: Ehrlich gesagt, haben wir derzeit weder von der Union noch von der Deka Produkte in unseren Depots. Diese werden weitgehend über die eigenen Hauskanäle verkauft und stehen meist in den Ratings etwa bei Morningstar nicht weit oben.

Anders gefragt: Sehen Sie auch alternative Ansätze im Kommen? Gibt es neue Geschäftsmodelle in der Branche, die man als kundenfreundlicher und deutlich kosteneffizienter ansehen könnte (z.B. ETF’s etc.)? Zeichnet sich hier ausgehend von den gesellschaftlichen Rändern möglicherweise ein Umdenken ab?

Georg von Wallwitz: Der gängige Dax-Fonds hat sicherlich keine große Zukunft. Aber auch bei den ETF’s gibt es ein eigenartiges Verhalten, denn viele Leute verlieren hier vorzeitig die Nerven, wenn der Kurs mal fällt. Die geldgewichtete Performance liegt meist deutlich unter der zeitgewichteten, was zeigt, dass der Anleger oft nicht genügend Disziplin mitbringt, seine einmal eingeschlagene Strategie konsequent durchzuhalten.

Derzeit kursieren in der jungen Internetszene zahlreiche neue netzbasierte Varianten wie das Crowdfunding und –crowdinvesting, wo sich der finanzielle Schwarm zusammen tut, um bestimmte Projekte oder Unternehmen gemeinsam zu fördern. Ist das für Sie eine neue Spielart des Herdentriebs oder ein konstruktiver Ansatz, das Geld bewusst in bestimmte Kanäle einzusteuern?

Georg von Wallwitz: Es gibt auch dort wahrscheinlich zahlreiche Scharlatane, letztlich immer dort der Fall, wo Geld im Spiel ist. Prokon könnte da mal wieder ein Fall sein, der einige Anleger auf die Risiken unkonventioneller Geldvermehrung aufmerksam macht. Aber prinzipiell ist das Crowdfunding als Konzept sicherlich eine gute Sache. Dem Friseur nebenan das Geld zu geben, ist da sicherlich eine bessere Idee, als in irgendwelche Hebelprodukte zu investieren.

Wie sieht es mit dem Social Trading aus, wo sich ebenfalls erste Strukturen durch von den Nutzern selbst kreierte Musterdepots herausbilden, denen dann andere Anleger ihr Geld anvertrauen können (Als Beispiele für diesen Trend siehe etwa die Anbieter Wikifolio, eToro oder Ayondo). Was halten Sie von der Idee?

Georg von Wallwitz: Das ist sozusagen der Investmentclub reloaded, also alter Wein in neue Schläuche gefüllt. Aber weder vom einen noch vom anderen verstehe ich etwas.

Halten Sie die Bitcoin-Revolution der virtuellen Währungseinheiten eher für einen Teil des Problems in der Finanzindustrie infolge mangelnder Steuerung und Kontrolle sowie der großen Spekulationsdynamik, oder ist es ein erster Vorbote, dass die Finanzindustrie in der bisherigen Form in einigen Jahren nicht mehr überlebensfähig sein wird?

Georg von Wallwitz: Das halte ich für reine Spielerei. Bitcoins sind weder eine Währung noch ein Asset.

Wo sehen Sie denn die Provisionsorientierte Bankenlandschaft in 10 Jahren stehen, das Beharrungsvermögen am alten Geschäftsmodell scheint insgesamt doch recht groß zu sein?

Georg von Wallwitz: Es kann durchaus sein, dass die Regulierung so weit führt, dem Provisionsgeführten Bankgeschäft wie etwa in Großbritannien oder Holland der Fall, ein Ende zu bereiten. Ich sehe den Prozess mit einem lachenden und weinenden Auge. Es wäre gut, wenn die Menschen die Kosten sähen, die sie für eine Beratung oder ein Produkt bezahlten. Aber man darf sich nichts vormachen, die Industrie wird es auch weiter geben, nur die größten Windbeutel dürften es schwerer haben als in der Vergangenheit.

Die Aktienmärkte und Leitindizes haben zum Jahreswechsel neue Höchststände produziert. Bekanntlich bestraft das Leben aber denjenigen, der zu spät kommt, nämlich den Kleinanleger, der möglicherweise jetzt durch die Medien gepusht, bereit für den Einstieg in die nächste Aktie wäre. Sprich, wird 2014 das Jahr des Planktons in der unteren Nahrungskette der Finanzindustrie?

Georg von Wallwitz: Der Aufwärtstrend ist meiner Einschätzung nach noch eine Weile intakt. Der Kleinanleger ist meinem Gefühl nach auch noch nicht investiert. Wenn auf den Cocktailparties plötzlich über Aktien geredet wird, ist es vielleicht an der Zeit, die Party zu verlassen. Es könnte also noch ein ganz gutes Jahr werden, wenngleich die Anzahl der günstig bewerteten Aktien definitiv sehr überschaubar ist.

Und noch eine persönliche Frage: Wie legen Sie Ihr Geld an und wofür geben Sie es gerne aus?

Georg von Wallwitz: Ich gebe derzeit viel Geld für die Schulen der Kinder aus und danach bleibt eigentlich nicht mehr viel übrig. In der Geldanlage bin ich ein Aktienmensch, in guten wie in schlechten Tagen. Privat bin ich risikofreudiger als mit dem Geld meiner Kunden, wobei ich den Schwerpunkt in langweiligen Blue Chips gesetzt habe, die ich übrigens auch für meine Kinder anspare. Aber die wissen glücklicherweise noch nichts von der Existenz ihrer Depots, über die sie in zehn oder fünfzehn Jahren mal verfügen können.

Interview: Lothar Lochmaier

Written by lochmaier

Februar 12th, 2014 at 3:01 pm

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Was Banken von der Bitcoin-Revolution lernen können (Teil II)

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Cryptoeinheit ist mehr als eine Online-Währung

Die damit verbundene soziale Dynamik gilt es nicht zu unterschätzen, denn das Zahlungsmittel Bitcoin bleibt in seinen kreativen Einsatzweisen bis hin zu ökologischen Luxusgütern weiterhin begehrt.

Der Internetdienst Mashable berichtet über so manch Kurioses, wenn etwa im kalifornischen Newport Beach der weltweit erste Wagen mit Bitcoins gekauft worden ist. Demnach hatte ein Käufer das 103.000 Dollar teure Elektrofahrzeug Tesla S mit der Online-Währung bezahlt. Letztlich geht es neben dem Trendfaktor dabei auch um das zunehmende Misstrauen, das gerade jüngere Menschen den etablierten Institutionen generell, aber speziell auch den Akteuren aus der Banken- und Finanzwelt entgegenbringen. Hinzu kommt bei manch einem das Gefühl, an der Entstehung von etwas Neuem beteiligt zu sein.

Bitcoins sind im Zuge dieser Entwicklung eine Art kreativer Treibstoff, um dem Protest einerseits, aber auch der Sehnsucht nach einer alternativen wirtschaftlichen Gesellschaftsordnung Ausdruck und Raum, teilweise auch jenseits der gängigen Systementwürfe zwischen ungebändigtem Kapitalismus und allzu naiven Kommunitarismus. Es sind somit nicht nur Sozialromantiker oder scharfe Kapitalismuskritiker, die auf den neuen Trend aufspringen. Deutlich wird dies an aktuellen Bekenntnissen ungewöhnlicher Protagonisten, wenn etwa in den Medien die Nachricht lanciert wird, der New Yorker Polizeichef möchte sich sein Gehalt statt in der harten Währung US-Dollar zukünftig in der neuen Marke Bitcoins auszahlen lassen.

Offenbar scheint auch die eBay-Tochter Paypal bereit, auf diesen Innovationszug aufzuspringen. Demnach arbeitet die Bezahltochter laut Internetdienst Mashable  an Plänen für eine eigene virtuelle Währung, worauf erste Patentveröffentlichungen hindeuten könnten. Deshalb stellt sich die Frage: Welche Durchschlagskraft besitzt die Bitcoin-Revolution für neue Geschäftsmodelle in der Finanz- und Bankenbranche? Handelt es sich aus Sicht der alten Industrien um monetär vernachlässigbare „Peanuts“?

Die Analysten der Bank of America (BoA) Merrill Lynch haben diese Aspekte in einer aktuellen Studie untersuchen lassen. Das Ergebnis: Die Experten kommen zu dem Schluss, dass die virtuelle Währung Bitcoin sich zum wichtigsten Zahlungsmittel im Online-Handel entwickeln könne. Der Trend stelle somit auch eine ernsthafte Herausforderung für die traditionellen Anbieter von Überweisungssystemen dar. [“As a medium of exchange, Bitcoin has clear potential for growth, in our view“. Siehe dazu den Forschungsreport: Bitcoin. A first assessment, vom 05.12.2013.

Andererseits bleiben zahlreiche systemimmanente Risiken bestehen, die sich mit der weiteren Entwicklung verbinden. Es bleibt festzuhalten, dass die Gefahr eines Scheiterns der Bitcoin-Revolution mittlerweile gewachsen ist. So erklärte der Chefvolkswirt der Commerzbank Jörg Krämer in einem Interview, die neue Internetwährung verfüge über die bekannten Merkmale einer zerstörerischen Spekulation. Niemand verwende jedoch eine Währung, die andauernd „Achterbahn“ fahre, gab der Experte im Handelsblatt zu bedenken. Da der stationäre Handel bislang nicht dazu bereit sei, seine Preisgestaltung fortlaufend zu ändern, zerstöre dies die Eignung der Bitcoins als Transaktionswährung.

Gut gebrüllt, mag man hier einwenden, aber wer im Glashaus sitzt, sollte bekanntlich nicht mit Steinen werfen. Die Finanzwelt ist mehr als gespalten. Auch in rechtlicher Hinsicht ist das sensible Terrain selbst von Experten kaum mehr zu überblicken. Somit lebt die virtuelle Währung auch weiterhin vom Vertrauenskredit der wachsenden Nutzergemeinde. Kehrt diese dem Zahlungsmittel plötzlich den Rücken zu, könnte die Spekulationsblase platzen.

Fazit: Die kontroverse öffentliche Debatte um den Erfolg und möglicherweise auch das Scheitern der virtuellen Währungseinheit Bitcoin zeigt deutlich, dass der Aktionsradius von eigenständig agierenden finanziellen Netzwerken wächst. Die Spieler aus der klassischen Finanzwelt sind gut beraten, die gesellschaftspolitische Dynamik, die sich hinter dezentral orchestrierten Währungskreisläufen verbirgt, ernst zu nehmen.

Bezüglich der Implikationen, die der Bitcoin-Trend für neue Geschäftsmodelle wie elektronische Bezahlvarianten bis hin zum E-Cash in der Finanzbranche spielen wird, lässt sich derzeit zwar nur vage spekulieren. Aber dass es sich bei dieser Entwicklung um mehr als nur unnützes oder gar spekulatives „Spielgeld“ handelt, dürfte auch den hinteren Reihen in der Finanzbranche mittlerweile zu Ohren gekommen sein.

Im dritten und vierten Teil dieser lose publizierten Serie gebe ich dann einen Ausblick auf die Implikationen von Bitcoin für neue und peer-to-peer-basierte Geschäftsmodelle in der Finanzbranche – und analysiere abschließend die Investorenstruktur.

Written by lochmaier

Februar 5th, 2014 at 9:00 am

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