Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

.

Open Innovation (2) beflügelt neue Kooperationsmodelle

with one comment

Nach der Pferdekutsche kommt das Auto, und was folgt danach? Die nächste Evolutionsstufe in der digitalen Agenda dürfte in der Art und Weise gekennzeichnet sein, wie Menschen über leistungsfähige und vertrauenswürdige Plattformen die Wirtschaft und Gesellschaft neu organisieren.

Wie das Internet und Bankentechnologien dabei konkret verschmelzen könnten, skizziert eine an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Göttingen durchgeführte Studie zum Status Quo von Peer to Peer Banking (P2P), also dem Geldgeschäft zwischen einzelnen Menschen oder Gruppen.

Der Forschungsreport stellt drei alternative Geschäftsstrategien von traditionellen Banken heraus: Die Banken könnten erstens eine eigene P2P-Lösung entwickeln. Als mögliche Strategie wäre die Etablierung einer eigenen P2P-Lösung im Rahmen eines eigenen Webauftritts denkbar. Da der Konditions- und der Strukturbeitrag als klassische Komponente der Marktzinsmethode hier wegfielen, sei die Bank in dieser Variante gezwungen, stattdessen Erlöse über Bearbeitungsgebühren zu generieren.

Eine weitere mögliche und vermutlich auch einträchtigere Erlösquelle sehen die Wissenschaftler der Universität Göttingen in verstärkten „Cross-Selling Aktivitäten“. Dies würde bedeuten, unterschiedliche Absatzkanäle wie das Internet oder die Filialbank sinnvoll zu ergänzen. Die zweite grundlegende Gestaltungsoption sähe die Übernahme einer bereits etablierten Plattform vor: Es sei denkbar, dass die Bank eine P2P-Plattform, die sich bereits erfolgreich am Markt etabliert habe, übernehme.

Hierbei sei allerdings eine vorsichtige Herangehensweise seitens der Bank in Verbindung mit einer jederzeit offenen Kommunikation gegenüber den Marktteilnehmern geboten. Denn die Nutzer hätten sich neuen Peer-to-Peer Plattformen gerade mit der Motivation zugewandt, sich vom traditionellen Kreditwesen unabhängiger zu machen. Dementsprechend sensibel reagierten die Marktteilnehmer auf etwaige Übernahmegerüchte von sozialen Plattformen durch ein etabliertes Geldhaus.

Als drittes Gedankenexperiment halten die Forscher der Universität Göttingen eine strategische Partnerschaft für wahrscheinlich. Bei dieser Variante wäre die Bank faktisch eine Art „Zünglein an der Waage“, indem sie beispielsweise die Restfinanzierung nicht vollständig finanzierter Projekte übernähme. Durch einen solchen Auftritt behielten die Plattformen ihre Eigenständigkeit und die Aktivitäten der Bank im Hintergrund könnten zu einem höheren Geschäftsvolumen auf der P2P-Plattform beitragen, bilanzieren die Autoren der Studie.

Unabhängig von der Wahrscheinlichkeit, inwieweit derartige Planszenarien eintreffen mögen, bleibt festzuhalten: Es sind vor allem Unternehmen aus der IT-Industrie und der Telekommunikationsbranche, die die technologische Entwicklung im Internet bis hin zum Mobile Banking vorantreiben.

Denn die Basistechnologien treten jetzt in die Phase ihrer extensiven sozialen Nutzung: Rechenleistung, Bandbreiten, Speichertechnologien und soziale Netzwerke – all dies ist vorhanden, was den Evolutionssprung zu einer neuen Generation von Inhalten ermöglicht. Kurz: Wer sein Geschäftsmodell rund um den „mündigen Konsumenten“ aufbaut, der dürfte auch vom technologischen und sozialen Fortschritt profitieren.

Nahe liegend wäre es somit, eine Interessenkoalition zwischen alten und neuen Einflussgrößen zum gegenseitigen Vorteil zu schmieden. Und hier könnte sich die Bankenbranche die Bedürfnisse und den neuen Lebensstil (nicht nur) der „Generation Y“ zu Eigen machen. Gefragt wäre eine zukunftsweisende Wachstumsstrategie, die das Altbewährte nicht leichtfertig über Bord wirft, jedoch andererseits konsequent auf den Paradigmenwandel zu reagieren imstande ist. So definiert das Online-Lexikon wikipedia den Begriff „Innovation“ nicht als Abklatsch des Althergebrachten, sondern als eine neue Erfindung oder Idee, die unsere Wirtschaft und Gesellschaft grundlegend verändert und weiter bringt. Darauf wartet auch die “next generation finance” immer noch.

Written by lochmaier

Januar 23rd, 2014 at 1:35 pm

Posted in Uncategorized

Open Innovation (1): Fidor Bank setzt neue Akzente

with 2 comments

In den letzten Monaten hat sich die Zahl an Medienberichten deutlich erhöht, die sich eingehend mit den Folgen der digitalen Revolution in der Bankenwelt auseinandersetzen.

Es ist kaum zu übersehen, dass der Finanzsektor, ähnlich wie bereits seit den neunziger Jahren die Musik- oder die Verlagsbranche, vor einem größeren Umbruch kaum verschont bleiben dürfte. Insbesondere an der Schnittstelle zu den großen sozialen Netzwerken verbinden sich neue geschäftliche Perspektiven. Denn das Netz verleiht den Kunden mehr Unabhängigkeit in der Auswahl seiner Angebote und es sorgt außerdem für mehr Transparenz in der Qualität von Dienstleistungen.

Als einer der Vorreiter in punkto webbasierte Finanzdienstleistungen in internationalem Maßstab ist auch die deutsche Fidor Bank anzusehen. Wenngleich es sich hier nicht um einen raschen Aufstieg in den Bankenolymp handelt, was die betriebswirtschaftlichen Kennzahlen angeht, so zeigt die stetige Ausrichtung in Richtung umfassende Online-Plattform anhand von FidorTecS.com  doch auf, wohin sich die Branche entwickeln wird. Hier ist noch viel Musik drin. Allerdings darf man bei Innovationszyklen die großen Ausschläge nach unten wie nach oben nicht unterschätzen.

Spannend auch, dass die Münchner “Web 2.0-Bank” sich als einziges deutsches Institut schon frühzeitig im vergangenen Herbst als “Fan” der Bitcoins geoutet hat (s. mein voriger Beitrag zu den gelernten Lektionen für die Finanzbranche). Das ist durchaus ein riskantes Spiel, schließlich könnten Bitcoins auch wieder verboten werden. Aber selbst dann werden andere Platzhalter an die Stelle treten. Und schließlich hat in 2013 unter dem Strich auch der Aktienkurs von Fidor bereits viel Phantasie nach oben eingepreist, da er sich mehr als verdoppelt hat.

Ein Grund dafür, warum das so ist: Ein Forschungsreport der spanischen Bank BBVA „BBVA Research Economic Outlouk 2013“ beschreibt aus Branchensicht als zentrale Herausforderung die zunehmend eigenständig agierenden finanziellen Netzwerke. Die Experten sehen das auf „Private Equity“ basierende Crowdfunding als eine disruptive Technologie, mit dem Potential, die bis dato dominante Stellung der traditionellen Geldhäuser sowohl in der privaten Kreditvergabe als auch möglicherweise bei kleineren Unternehmen in Frage zu stellen.

Als einen erst zu nehmenden Beleg für diesen Trend werten die Studienautoren der BBVA die Nachricht, dass der Suchmaschinenkonzern Google sich im vergangen Jahr mit rund 125 Mio. US-Dollar an der sozialen Kreditbörse Lending Club beteiligt hat. Tatsächlich verläuft gerade die Wachstumskurve der beiden derzeit weltweit führenden Plattformen Lending Club (USA) und Zopa (Großbritannien) mit zweistelligen Zuwachsraten steil nach oben, wenngleich mit Blick auf die Marktanteile am gesamten Kreditvolumen immer noch auf der Basis eines relativ niedrigen Ausgangsniveaus.

Und damit sind wir ganz am Ende dieses Beitrags wieder bei der Fidor Bank gelandet. Denn sie versucht in ihrem strategischen Ansatz die komplette Wertschöpfungskette des neuen Bankenbiotops im Web 2.0 ab- und nachzubilden. Das macht sie irgendwann natürlich auch zu einem potentiellen Übernahmekandidaten, damit das Geschäftsmodell auf eine breitere Grundlage gestellt werden kann.

Im zweiten Teil beleuchte ich deshalb neue Kooperationsmodelle in der Bankenbranche.



Written by lochmaier

Januar 22nd, 2014 at 9:25 am

Posted in Uncategorized

Was Banken von der Bitcoin-Revolution lernen können – Teil I

with one comment

Virtuelle Währungseinheiten im Aufbruch

Die Debatte um die neue Internet-Währung Bitcoin wird mitunter heftig und geradezu ideologisch geführt. Dies lenkt nur von dem Umbruch in der Finanzindustrie ab, die den Rückhalt in der kreativen und leistungsbereiten Mittelschicht längst verloren hat. Das ist aber nur einer von mehreren Erklärungsansätzen, weshalb ich die gelernten Lektionen auch mit Blick auf die Banken in einer mehrteiligen Betrachtung vertiefen werde.

Während die Einen in Bitcoins ein irreführendes Zahlungsmittel der organisierten Kriminalität zur Geldwäsche sehen, idealisieren Andere diese wiederum als bahn brechendes Zahlungsmittel zu einer nachhaltigen Geldwirtschaft. Auch in Bankenkreisen dominiert ein gemischtes Echo. Während die französische und chinesische Notenbank bereits ein Verbot ausgesprochen haben und die Europäische Zentralbank (EZB) die Entwicklung mit wachsender Skepsis beobachtet, sieht die Bank of America (BoA) Merrill Lynch in der neuen Zahlungseinheit ein großes Potential.

Das aktuelle Treiben um die in Mode gekommenen Crypto-Währungseinheit Bitcoin geht nun im neuen Jahr in die nächste Runde, mit offenem Ausgang. Der Kursverlauf ist spekulativ, die soziale Dynamik ist unberechenbar, da parallel zur Experimentierfreude der wachsenden Nutzergemeinde auch das Misstrauen gegenüber den Eliten wächst. Zwar scheint sich der Kursverlauf nach oben nicht endlos fortsetzen zu lassen. Dennoch sollte man den Niedergang nicht verfrüht ausrufen, denn kürzlich hat die Spieleplattform Zynga die Online-Währung akzeptiert, was den Kurs erneut nach oben katapultiert hat. Es ist ein Wagnis mit vielen Unbekannten, eine vielschichtige Vision der computerbasierten „Peanuts-Revolution”.

Zum Hintergrund: Bitcoin ist virtuelles Geld, jedoch nach allgemeiner Bankendefinition kein elektronisches Geld (eCash). Das Konzept von Bitcoin geht zurück auf das Jahr 2008. Es basiert auf einem Whitepaper von Satoshi Nakamoto, das zunächst über eine Mailingliste zum Themenkomplex Kryptographie veröffentlicht wurde. Der Begriff Bitcoin setzt sich aus den englischen Wörtern Bit und Coin zusammen.

Wie funktioniert das System? Die Geldschöpfung von Bitcoins erfolgt dezentral in einem Computernetz und wird dort auch verwaltet. Bitcoins können elektronisch beliebig zwischen den Teilnehmern überwiesen werden, wobei der Besitz derselben durch einen kryptographischen Schlüssel nachgewiesen wird.

Die konkrete Transaktion ist mit einer digitalen Signatur versehen und in einer öffentlichen, vom gesamten Netzwerk betriebenen Datenbank registriert. Der Handel von Bitcoins erfolgt dabei über spezialisierte Online-Börsen gegen andere Währungen, wobei der bekannteste Vertreter die Plattform MtGox darstellt. Die jüngsten Kursturbulenzen rund um Bitcoin haben deutlich aufgezeigt, dass die Verkäufer jedoch nur dann Gewinne erzielen können, wenn sich stets neue Käufer finden, um die jüngst realisierten Kursanstiege von deutlich über 1.000 US-Dollar zu rechtfertigen.

Neben den Befürwortern mehren sich kritische Stimmen. Handelt es sich doch möglicherweise um ein „Schnellballsystem“, das am Ende den völligen Zusammenbruch der virtuellen Währungseinheit nach sich ziehen könnte? Fest steht: In den letzten Monaten hat sich die Nachrichtenlage zu dieser vielschichtigen Thematik fast täglich um neue Facetten bereichert. Die französische Zentralbank ist längst nicht mehr die einzige Notenbank, die vor den Gefahren des Kunstgeldes warnt. Simultan zur Warnung aus Frankreich unterband die People’s Bank of China (PBoC) dem Finanzsektor des Landes, weitere Geschäfte auf Basis von Bitcoins zu tätigen.

Eine weitere Warnung vor den Risiken und Nebenwirkungen gab vor Weihnachten die Europäische Bankenaufsicht (European Banking Authority, kurz EBA) heraus. Sie verweist die Anleger auf das drohende Risiko eines Totalverlusts der Einlagen, da derartige Tauschplattformen die virtuelle Währung nicht durch eine reale Einlage abgesichert hätten, wie etwa bei den Banken der Fall. Als weitere Gefahrenherde nennt die EBA mögliche Diebstähle, die mangelnde Absicherung, starke Kursschwankungen, sowie das Risiko von kriminellem Missbrauch. Dies lässt voraus ahnen, dass sich in den kommenden Monaten weitere Finanzaufsichtsbehörden neben den Bitcoins zu den mittlerweile mehr als 100 im Umlauf befindlichen virtuellen Währungseinheiten äußern werden.

Auch die Europäische Zentralbank (EZB) schließt mittlerweile ein schärferes Vorgehen gegen Bitcoins nicht mehr aus. Derzeit betrachtet sie das System zwar noch nicht als eigenständige Währungseinheit, was sich allerdings laut einem Bericht des Wallstreet Journal Deutschlands rasch ändern könne. Falls die politischen Aufsichtsgremien sich auf breiter Front dazu entschlössen, Bitcoins zu verbieten, so könnte dies für die investierten Anleger den Totalverlust ihrer Einlagen nach sich ziehen. Noch aber stuft hierzulande beispielsweise das deutsche Bundesfinanzministerium die Digitalwährung als „Rechnungseinheit“ und somit privates Geld ein, einschließlich der damit verbundenen rechtlichen sowie steuerlichen Konsequenzen.

Neben den Zentralbanken betrachten somit immer mehr nationale Regierungen den Hype um die virtuelle Währung mit wachsender Skepsis, da sie den Einfluss der Staaten und Notenbanken auf die Geldwertstabilität in Frage gestellt sehen. Als private und virtuelle Währung entziehen diese sich der Kontrolle von Regierungen und Zentralbanken. Dies vor dem Hintergrund eines wachsenden Risikos, das Währungs- und Geldschöpfungsmonopol der Zentralbanken zu schwächen. Ein in Aussicht gestelltes Verbot durch die EZB und andere Zentralbanken scheint jedenfalls nicht mehr gänzlich unwahrscheinlich.

Derweil nährt der Hype weiterhin den Hype. Im Zuge der öffentlich über die Medien verstärkten Euphoriewelle ist der Kurs weiter nach oben gesprungen, schwankt jedoch von Tag zu Tag teilweise extrem heftig. Zudem haben sich kaum zu überblickende Sekundärmärkte gebildet. Lokal gesehen ist es vor allem die Hauptstadt Berlin, die in Deutschland für Furore sorgt. Dort beginnt die neue Währungseinheit immer mehr ihre Bahnen zu ziehen. Einige Geschäfte und Cafes bieten die Option neuerdings nicht nur an, sie wird offenbar von den Kunden auch immer mehr angenommen, so etwa in Berlin-Kreuzberg oder Friedrichshain und weiteren kulturellen Biotopen. Genau dies fürchten Banken, eine Revolution, die sich direkt aus der Mitte der Gesellschaft heraus speist, und nicht nur von ein paar Weltverbesserern und Verrückten betrieben wird.

Written by lochmaier

Januar 20th, 2014 at 7:56 am

Posted in Uncategorized

Provisionsberatung: MiFID II degradiert Kleinanleger zu “Plankton”

with 3 comments

Bereits 2011 hatte die Europäische Kommission Vorschläge zur Novellierung der Richtlinie über Märkte für Finanzinstrumente (MiFID II) veröffentlicht. Der Vorschlag der Kommission zur Überarbeitung der MiFID umfasst neben der Richtlinie, eine Verordnung über Märkte für Finanzinstrumente (MiFIR), die darauf abzielen, so der Originalton, “die Finanzmärkte effizienter, widerstandsfähiger und transparenter zu gestalten.”

Darunter kann man natürliches vieles verstehen, im Nebel der diversen neuen Finanzmarktregulierungen. Und so verwundert es kaum, dass finanzen.net wie folgt titelt: Über Provisionen wurde gar nicht verhandelt. Offenbar haben hier einige hinter den Kulissen ganze Arbeit gelastet, weshalb bereits heute an der einen oder Stelle die Sektkorken aus der edlen Flasche hüpfen werden. Über weitere Ergebnisse berichtet die Süddeutsche Zeitung.

Deren Durchschlagskraft etwa beim Hochfrequenzhandel oder der Eindämmung von Nahrungsspekulation darf man allerdings getrost in Zweifel ziehen. In der kommenden Woche werden die Finanz- und Wirtschaftsminister darüber beraten, bevor im Parlament im Frühjahr über die Richtlinie abgestimmt wird. Aber klar, wie immer in solchen Prozessen hinter der Kulisse, ein paar Dinge sind längst spruchreif. Insbesondere wird es keine partielle Abkehr, wie in anderen Ländern wie Großbritannien oder den Niederlanden der Fall, von der provisionsorientierten Bankberatung = Produktverkauf geben.

Zum Hintergrund: An diesem  Dienstagabend sind die Trilogverhandlungen über die EU-Finanzmarktrichtlinie MiFID II abgeschlossen worden, die das Wertpapiergeschäft der Banken und Sparkassen angeblich so grundlegend neu hätten strukturieren sollen. Viel ist nicht geblieben, außer einem zahnlosen Papiertiger, der die Kleinanleger auch weiterhin zum “Plankton in der unteren Nahrungskette der Finanzindustrie” degradiert.

In der Originalverlautbarung aus Sicht der heimischen Finanzindustrie liest sich das dann so:

“Die Deutsche Kreditwirtschaft (DK) begrüßt dabei ausdrücklich die Entscheidung des EU-Gesetzgebers für den Erhalt der provisionsbasierten Beratung. Sie ist erforderlich, um eine Beratung aller Bevölkerungsschichten und in der Fläche zu ermöglichen.  Dagegen sieht die DK mit Sorge, dass weitere Dokumentationspflichten Kunden von einer persönlichen Beratung abhalten werden. So sieht die Richtlinie vor, eine europaweite Sprachaufzeichnung unter anderem bei telefonischer Beratung einzuführen. Eine solche Aufzeichnung schränkt die persönliche Beratung in der Fläche ein. Sie wird zudem von der Mehrheit der Kunden abgelehnt. Die DK warnt davor, dass durch eine Überregulierung in der Wertpapierberatung Kunden letztendlich weniger Beratung in Anspruch nehmen.”

Was lässt sich daraus schlussfolgern? Der mündige Teil der Anleger wird weiter ermuntert, die Geldgeschäfte lieber in die eigene Hand zu nehmen. Der Rest darf sehen, wo er bleibt. Denn die in Finanzdingen unter- bis durchschnittlich gebildete Bevölkerung wird so wohl kaum den Abschlüssen neuer provisionsbasierter Produkte entgehen können.

Da ist es nur ein schwacher Trost, dass es auch in der Zunft kritische Stimmen gibt, beispielsweise vom deutschen Fondsverband (BVI).  Im Moment sondieren viele noch die Ergebnisse – aber vor allem die Zunft der aufstrebenden Honorarberater hat nun, mit viel Hoffnung in die Verhandlungen gegangen, einen herben Dämpfer erlitten. Ohnehin scheint dieser Ansatz nur für die kreative Nische bestimmt. Interessant scheint mir in den kommennden Jahren das zu sein, was sich auf der Innovationsseite im Zuge neuer Geschäftsmodelle weiter ereignet, worüber Social Banking 2.0 natürlich weiter berichten wird.

Written by lochmaier

Januar 16th, 2014 at 1:35 pm

Posted in Uncategorized

Interview mit Thomas Herzog, Chief Product Officer (CPO) bei Innovestment – Crowdinvesting zwischen Hype und großem Wachstumsversprechen

with one comment

Das Wettrennen um die führende Crowdinvesting-Plattform in Deutschland läuft bislang ganz in die Richtung vom Marktführer Seedmatch. Siehe dazu die aktuellen Zahlen vom vergangenen Jahr. Doch geht es hier nicht nur um die nackten Zahlen, genährt von einer weiter wachsenden Sympathie in Medien und der breiten Öffentlichkeit. Andererseits bleiben die feinen Unterschiede gegenüber dem rein spenden- oder beteiligungsbasierten Crowdfunding bestehen, spätestens dann, wenn die ersten Startup-Finanzierungen scheitern.

Umso notwendiger ist es deshalb, einen Blick hinter die Kulisse zwischen Wachstumsversprechen und der neuen “Risikogesellschaft 2.0″ zu werfen, einer Aufgabe, der sich Social Banking 2.0 gerne stellt. Detailliert Auskunft darüber erteilt Thomas Herzog von der Crowdinvesting-Plattform Innovestment. Er skizziert, warum er trotz hoher Risiken an den Erfolg der Plattform glaubt und möchte nun die unternehmerische Entwicklung ankurbeln, wobei sich die einzelnen Marktsegmente noch deutlicher differenzieren. Aber lesen Sie selbst ausführlich:

Interview [Sponsored Post] mit Thomas Herzog von Innovestment – exklusiv für Social Banking 2.0

Social Banking 2.0: Herr Herzog, erklären Sie unseren Lesern zunächst, welches Aufgabenspektrum ein „CPO“ für eine Crowdinvesting-Plattform wie Innovestment konkret erfüllt?

Thomas Herzog: Letzlich geht es darum das bestehende technische und juristische Produkt der Innovestment Plattform zu einer offenen Marktplattform zu entwickeln, die der Grundidee des Crowdinvestings gerecht wird. Crowdinvesting sollte klare Zulassungskriterien haben, gleichzeitig aber möglichst zugangsoffen sein, unabhängig von subjektiven Einschätzungen einiger weniger. Die Entscheidung, ob ein Unternehmen finanziert wird, sollte beim Markt und nicht bei der Plattform liegen. Nur dann ist Crowdinvesting innovationsförderlich.

Social Banking 2.0: Ist solch ein differenzierter Titel CPO  für ein kleines Startup gegenüber größeren Unternehmen oder einer in Konzernen antreffenden Matrixorganisation nicht ein bisschen übertrieben, im Sinne des organisatorischen Overengineerings?

Thomas Herzog: Wir verstehen Innovestment als technischen und juristischen Enabler. Ein entscheidender Treiber hierfür ist die technologische Entwicklung der Plattform. Dementsprechend entfernen wir uns weiter vom klassischen Agenturmodell das Seedmatch oder Companisto fahren, hin zu einem möglichst offenen Marktplatz mit klaren Zulassungsbedingungen. Dass wir dementsprechend intern umstrukturiert und die Rolle eines Produktmanagers geschaffen haben, ist die logische Konsequenz daraus.

Social Banking 2.0: Kommen wir zum eigentlichen Thema, dem Crowdinvesting. Wie nehmen Sie die Wachstumsraten in den letzten beiden Jahren wahr. So wie es aussieht, scheint Innovestment gegenüber dem wichtigsten Mitbewerber Seedmatch zumindest rein umsatztechnisch gesehen etwas ins Hintertreffen geraten zu sein?

Thomas Herzog: Innovestment hat sich im Rahmen des Gesellschafterwechsels strategisch neu ausgerichtet. Diese Neukonfiguration des Unternehmens hat Traktion gekostet, wird sich aber mittelfristig auszahlen.

Social Banking 2.0: In welches Marktsegment reihen Sie denn Innovestment ein, wodurch unterscheidet sich die Plattform von Seedmatch, Companisto und anderen Spielern?

Thomas Herzog: Innovestment hat sich schon in der Vergangenheit durch seine Positionierung als Marktplatz und durch seine auktionsbasierte Bewertung abgehoben. Wir von Innovestment arbeiten weiter daran der führende Marktplatz im Bereich des Crowdinvesting zu sein.

Social Banking 2.0: Welche Zielrendite kann man dem Anleger denn seriös in Aussicht stellen?

Thomas Herzog: Grundsätzlich ist es nicht möglich eine allgemeingültige Aussage bei den äußerst heterogenen Geschäftsmodellen und Ertragsperspektiven zu treffen. Letztlich müssen die Investoren entscheiden, ob ein Unternehmen einen attraktiven Businessplan, ein überzeugendes Team, eine angemessene Bewertungsvorstellung und somit ausreichendes Renditepotenzial aufweist.

Social Banking 2.0: Wie profitabel arbeiten denn Ihrer Einschätzung nach die deutschen Plattformen im internationalen Vergleich, etwa zur Schweiz, Großbritannien oder den USA?

Thomas Herzog: Die Profitabilitätsunterschiede sind eher an den konkreten Plattformen als an den jeweiligen Ländern auszumachen. International ist ein Boom der Plattformen festzustellen, von denen die wenigsten profitabel sind. Aktuell stehen die führenden deutschen Plattformen im internationalen Vergleich gut da. Spannend wird die weitere Entwicklung der Marktplätze mit einem sehr großen Binnenmarkt, wie Plattformen aus den USA: Als ebenso interessant wird sich die Entwicklung etwaiger eintretender Akteure aus angrenzenden Geschäftsmodellen zeigen. Diese verfügen teilweise bereits über die entsprechenden Nutzer und sehen sich so weniger mit den üblichen Herausforderungen beim Aufbau eines zweiseitigen Marktplatzes (Henne-Ei-Problem) konfrontiert. Ich denke hier z.B. an Unternehmen wie Angellist oder secondmarket.

Social Banking 2.0: Es gibt mit Bergfürst ein weiteres interessantes Modell in der Pipeline, das sich deutlich vom Crowdinvesting unterscheidet. Wie nehmen Sie die Chancen und Risiken der Platzierung und dem Handel von Aktienemissionen über die Crowd wahr, hat dieses Modell überhaupt eine Zukunft, wenn man sich anschaut, dass das erste Investment von drei Millionen Euro in den Online-Shop für Heimtextilien Urbanara seit kurzem frei handelbar ist?

Thomas Herzog: Die klassischen Aufgaben eines entsprechenden Marktplatzes sind Losgrößen-, Fristen- und Risikotransformation. Bergfürst ist aktuell die einzige Plattform, die ein schlüssiges Konzept zur Fristentransformation bietet. Aus dieser Perspektive finden wir den Ansatz hochspannend. Herausforderungen sehen wir bei der notwendigen Liquidität, die einem entsprechenden Markt zur Verfügung steht. Durch den finanziellen und regulatorischen Aufwand sowie den konkreten Zugangsbedingungen, wird Bergfürst für die wenigsten Unternehmen ein gangbarer Weg sein.

Social Banking 2.0: Was halten Sie davon, die virtuelle Währungseinheit Bitcoin über die Crowd mitfinanzieren zu lassen, schließlich könnte die Spekulationsblase irgendwann platzen?

Thomas Herzog: Wir mögen den dezentralisierten Ansatz der Bitcoins, allerdings sehen wir potenzielle Probleme durch die fehlende Steuerung der Geld und Umlaufmenge. Darüber bedingt die feststehende Geldmenge einen Pfad zur Deflation der Währung. Aus der Perspektive einer Plattform die sich mit der Finanzierung von Unternehmen beschäftigt kann Deflation kein Wunschszenario sein. Dementsprechend werden wir keine Einbindung von Bitcoins und unserem Geschäftsmodell anstreben. Die inhärente Deflation sehen wir darüber hinaus als ursächlich dafür dass eine Spekulationsblase entstehen und schließlich auch platzen muss.

Social Banking 2.0: Lässt sich das Crowdinvesting-Modell auch für weitere Bereiche wie die Immobilienfinanzierung einsetzen oder ist dieser Anspruch zu hoch gegriffen?

Thomas Herzog: Immobilien sind im Vergleich zu jungen Unternehmen in ihrem Verlauf kalkulierbarer. Es gibt aber einige Herausforderungen wie Laufzeiten, Fungibilität und etwaigen Weichkosten, die erst durch die Immobilie wieder „verdient“ werden müssen. Zudem besteht hier einen stärkerer Wettbewerb durch Banken. Der Crowdinvesting Markt für junge Unternehmen ist entstanden, weil Finanzierungslücken vorhanden sind, die durch klassische Finanzintermediäre nicht geschlossen werden können. Dies ist bei Immobilien nicht der Fall. Wir sehen, aufgrund der Wettbewerbsintensität und des weniger ausgeprägten Problemdrucks, die Immobilienfinanzierung nicht als naheliegenden Markt für Crowdinvesting.

Social Banking 2.0: Was halten Sie von der Finanzierung der Energiewende über das Crowdinvesting-Modell. Seedmatch hat ja zum Beispiel einen Ökoableger econeers gegründet, wo das erste Vorhaben bereits erfolgreich finanziert werden konnte. Ist das für Sie ein zu hohes Risiko, schließlich scheitern viele Startup-Finanzierungen – und im Bereich der jungen Ökounternehmen ist der Kapitalbedarf und das Risiko meist überdurchschnittlich groß, vom langen Atem mal abgesehen, den die Investoren gerade dort ohnehin mitbringen sollten?

Thomas Herzog: Vorhaben in diesem Bereich sind in hohem Maße abhängig von Gesetzen und Regulierungen – oft Kerntreiber der Profitabilität im Geschäftsmodell – die sich innerhalb der langen Laufzeiten schlagartig ändern können. Eine nationale Gesetzesänderung oder die Umsetzung einer europäischen Richtlinie kann damit in kürzester Zeit dem Unternehmen die Geschäftsgrundlage entziehen. Dieses spezifische Branchenrisiko sollte Anlegern bewusst sein.

Social Banking 2.0: Welche Ziele verfolgt denn Innovestment mit „WeGreen“ mit Blick auf den Wachstumsmarkt ökologischer Nachhaltigkeit?

Thomas Herzog: Letztlich hat der Finanzierungserfolg von WeGreen gezeigt, dass Investoren Interesse daran haben Ihr Geld in ökologische, nachhaltige Geschäftsmodelle zu investieren. Wir bieten einen Marktplatz zur Einwerbung von Investitionsgeldern auch für sozial motivierte Gründer an.

Social Banking 2.0: Ließe sich prinzipiell nicht auch der globale Klimaschutz über Crowdfunding oder Crowdinvesting erfolgreich finanzieren, wo doch die Industriestaaten und Entwicklungsländer allesamt seit Jahren nur leere Lippenbekenntnisse zu diesem sensiblen Thema abliefern?

Thomas Herzog: Die Wahrnehmung persönlicher Verantwortung der Zivilgesellschaft mittels der Bereitstellung privater Investitionen ist schwierig. Sobald es an den eigenen Geldbeutel geht, will ein relevanter Anteil der Zivilgesellschaft zwar investieren, die Mehrheit tut es aber nicht. Die positiven Effekte, die durch entsprechende Investitionen hervorgerufen werden, kommen eben nicht nur den Investoren zugute, sondern allen. Dies wirkt anreiz-reduzierend und führt in der Regel dazu, dass entsprechende Vorhaben nicht ausreichend durch private Investitionen finanziert werden. Dementsprechend fällt die Finanzierungsaufgabe für entsprechende Bereiche dem Staat zu.

Social Banking 2.0: Positiv betrachtet, scheint das Crowdinvesting-Modell weiter Schule zu machen. Schaut man sich beispielsweise das Berliner Startup-Panono an, so wird deutlich, dass auch für wissensintensive Jungunternehmen größere Geldbeträge zusammen kommen können. Schließlich gelang es den Entwicklern einer intelligenten Kamera, über die weltweit größte Plattform Indiegogo rasch eine halbe Million US-Dollar zu sammeln. Wo sehen Sie die Grenzen?

Thomas Herzog: Wir sehen da keine natürlichen Grenzen, also keine die eine Art Schallmauer darstellen, die durchbrochen werden muss. Allerdings sehen wir die Finanzierung von Produkten über Reward-based Crowdfunding aus der Finanzierer-Perspektive durchaus kritisch: Das komplette Risiko des Vorhabens wird externalisiert, liegt also auf den Schultern der Finanzierer liegt, während im Gegenzug etwaige positive Effekte, die über die Lieferung des einzelnen Produktes hinausgehen (z.B.  Produkt wird nachgelagert zum Hit und Millionen werden damit verdient), vollkommen internalisiert werden. Der Finanzierer profitiert von entsprechenden Erfolgen nicht.

Social Banking 2.0: Laut einer aktuellen Umfrage können 60 Prozent der deutschen Bevölkerung mit dem Begriff Crowdfunding immer noch nichts anfangen. Wird sich dies rasch ändern, wo sehen Sie die Trends der kommenden Jahre, was funktioniert, was nicht?

Thomas Herzog: Offen gesagt bin ich erstaunt, dass bereits 40 Prozent der deutschen Bevölkerung  mit dem Begriff Crowdfunding etwas anfangen können. Unabhängig von der konkreten Zahl gehen wir von einer weiter positiven Entwicklung des Gesamtmarktes aus. Crowdfunding wird getragen von mehreren starken Trends. Hierzu zählt die Desintermediation der Finanzmärkte, aber auch das „Maker Movement“.

Social Banking 2.0: In Investorenkreisen gehört es zur Alltagsweisheit, dass von zehn frisch gegründeten Startups mindestens sieben oder acht rasch wieder von der Bildfläche verschwinden. Nur eines setzt sich letztlich am Markt erfolgreich durch, so die Faustregel. Ist dies nicht grundsätzlich ein K.O-Kriterium für den privaten Anleger, sich nicht direkt an der hochriskanten Finanzierung von jungen Wachstumsunternehmen zu beteiligen oder gibt es hier auch Gegenargumente?

Thomas Herzog: Jedem Anleger sollten die hohen Ausfallrisiken bewusst sein. Innovestment hat von Anfang an große Sorgfalt darauf verwendet qualifizierte, risikobewusste Anleger zu akquirieren. Die investierten Beträge müssen für die Anleger riskierbar sein, also beispielsweise nicht für die Altersvorsorge benötigt werden. Im Idealfall bringen die Crowdinvestoren betriebswirtschaftliches Vorwissen, spezifische Branchenkenntnisse und Erfahrungen mit Startup Unternehmen mit. 50% der Investoren auf Innovestment sind selbst Unternehmer und kennen die täglichen Herausforderungen, der Rest verteilt sich vornehmlich auf Führungskräfte mit unternehmerischer Kompetenz. Letztlich kann Crowdinvesting aber nur der Kicker für das eigene Portfolio sein. Wir gehen aber davon aus, dass die Filterfunktion durch Plattform oder Investoren positiv auf die Erfolgsquote einzahlen kann.

Social Banking 2.0: Anders gefragt: Welche Ausfallraten von Startup-Finanzierungen kann die deutsche Szene denn verkraften?

Thomas Herzog: Das ist mit Sicherheit abhängig von den Erwartungen der jeweiligen Investoren und von vorhandenen Erfolgsgeschichten. Eine hohe Quote des Scheiterns ist quasi Anlagenklasseninhärent. Je nachdem, ob den Investoren dies bewusst ist, kann die Szene mehr oder weniger Ausfälle verkraften.

Social Banking 2.0: Wo und wie investieren Sie denn privat ihr Geld am liebsten?

Thomas Herzog: Vornehmlich in die Unternehmen in denen / an denen ich arbeite.

Social Banking 2.0: Wie könnte die zukünftige Roadmap und neue Kooperationsmodelle zu den Crowdinvesting-Plattformen Ihrer Einschätzung nach aussehen. Wird es eher zu Kooperationen mit klassischen Banken und innovativen Finanzdienstleistern kommen, oder werden vielmehr professionelle Investoren wie Beteiligungsfonds oder die Private Equity Szene auf den Zug aufspringen?

Thomas Herzog: Wir führen Gespräche mit allen angesprochenen Gruppen. Letztlich kann Crowdinvesting keine eigenständige Lösung für alle Finanzierungsaufgaben sein. Die Finanzierung eines Unternehmens wird in der Regel aus einem Strauß verschiedener Finanzierungsformen bestehen. Dementsprechend tun wir gut daran mit den angrenzenden Finanzintermediären zu sprechen und eine möglichst friktionslose Kombination verschiedener Finanzierungsinstrumente zu ermöglichen.

Social Banking 2.0: Und noch ein Ausblick: Wo wird Innovestment im Vergleich zum Marktführer Seedmatch in drei bis fünf Jahren stehen?

Thomas Herzog: Aufgrund der unterschiedlichen Geschäftsmodelle werden wir zu diesem Zeitpunkt nicht mehr vergleichbar sein.

Vielen Dank für das Gespräch.

Interview: Lothar Lochmaier

Written by lochmaier

Januar 15th, 2014 at 8:18 am

Posted in Uncategorized

Fall Prokon: Ein, zwei Winter, komms’te auch dahinter

with one comment

Der obige Spruch ist eine volkstümliche Alltagsweisheit, die auch auf die drohende Pleite des Windparkfinanziers Prokon passen könnte. Es ist kein besonderes Verdienst dieses Weblogs, denn über die zweifelhaften Gewinnaussichten von Prokon habe nicht nur ich bereits vor Jahren berichtet.

Social Banking 2.0: Reinrassige-okoanlage-prokon-und-die-grose-kluft-zwischen-anspruch-und-wirklichkeit

Nun stellt sich der Katzenjammer ein, denn 75.000 Anleger haben mit scheinbar gutem Gewissen rund 1,5 Milliarden Euro in das Unternehmen investiert. Warum das vielleicht keine so gute Idee war, skizziert auch ein Auszug aus dem Interview mit Georg Hetz von UDI zu diesem Thema, das ich vorige Woche hier veröffentlicht habe:

Social Banking 2.0: Wie viel Rendite und Gewinnmaximierung verträgt die ökologische Geldanlage

Ein Auszug –   Social Banking 2.0: Worauf müssen private Geldanleger sprich Investoren denn besonders achten, wenn Sie auf den Gleichklang zwischen Nachhaltigkeit, Sicherheit und Rendite achten?

Georg Hetz: Hört sich einfach an, wird aber oft über holden Worten und schönen Rendite-Zahlen vergessen: der Anleger soll sich den Anbieter ganz genau anschauen. Wie lange ist er schon am Markt für grüne Geldanlagen, wie ist seine Expertise, wie laufen die bisher aufgelegten Produkte? Wie ist sein Geschäftsmodell – einzelne abgeschlossene Projekte mit getrennten Geldkreisläufen, oder ein großer Topf, aus dem alles finanziert wird und an dem alles hängt? Ein gutes Indiz ist auch: Gibt es Fremdfinanzierung, sprich sind Banken beteiligt? Das kann man von einer durch die Banken durchgeführten Risiko- und Bonitätsprüfung ausgehen.

Gibt es eine Risikostreuung oder wird alles auf eine Karte, auf ein Großprojekt gesetzt? Ist die versprochene Rendite realistisch – mehr als 10 % p.a. sind beispielsweise derzeit nur mit unverhältnismäßig hohem Risiko zu erzielen …

Soweit diese Ausführungen. Mir selbst ist noch die Aussage eines Rechtsanwalts im Gedächtnis geblieben, die er vor Jahren mal geäußert hat: Sie können in Form einer Einzelperson nie als David gegen Goliath bestehen, wenn dieser eine ganze Armee im Rücken hat. Das heißt, der Kleinanleger benötigt im Prinzip ein Heer von Rechtsanwälten und Betriebswirten, um ein Produkt wie dasjenige von Prokon überhaupt überprüfen zu können. Und selbst dann bleibt der Rundumblick in die Black Box Bank meist verwehrt.

Da bleibt deshalb nur der Spruch: Schuster, also lieber Kleinanleger, bleib bei Deinen Leisten. Komplexe Finanzprodukte auch mit angeblich gutem Gewissen gilt es zu meiden. Deutlich wird dies auch an der Stellungnahme, die die Plattform leihdeinerumweltgeld.de zu diesem aktuellen Fall gestern auf ihrer Webseite veröffentlicht hat. Auszug:

Unabhängig von der Bewertung der Vermögenslage und Kapitalstruktur des Prokon-Konzerns bestärkt der aktuelle Aufruf an die Anlegerschaft Dritte in ihrer Überzeugung, dass Prokon bei der Unternehmensfinanzierung auf ein Schneeballsystem setzt. Diese Einschätzung ist aktuell, auch unter Rücksicht vorliegender Finanz- und Jahresberichte, eine Mutmaßung. Offensichtlicher ist, dass Prokon ein massives Problem bei der Fristenkongruenz der Unternehmensfinanzierung hat. Es leuchtet ein, dass der Amortisationszeitraum langfristiger Investitionen, wie Windkraftanlagen, mit Kapitalbindungszeiträumen, wie denen des Prokon-Genussrechts, nicht vereinbar ist. Prokon setzt offenkundig auf eine hohe Reinvestitionsrate der Altanleger. Das Ziel den Genussrechtsinhabern einerseits Flexibilität durch kurze Laufzeiten einzuräumen und andererseits die Haltedauer der Genussrechtsinhaber durch eine konstant hohe Verzinsung künstlich zu erhöhen, wurde nicht erreicht. Hierin liegt wohl ein wesentlicher Grund für die aktuellen Liquiditätsprobleme.

Quelle: leihdeinerumweltgeld.de

Was sind die gelernten Lektionen aus dem Fall Prokon: Erstens, ein zwei Winter, komm’ste auch dahinter. Noch immer prüfen Anleger zu wenig die Heilsversprechen, in dem Fall der grauen Finanzindustrie mit grünem Zuckerguss. Die Gefahr besteht allerdings jetzt darin, dass manche nun wieder ins andere Extrem überwechseln. Sprich, jede Form der grünen Geldanlage sei Teufelszeug statt ein göttlicher Abgesandter.

Eines ist klar, Emotionen sind nie ganz herauszuhalten aus dem Geldanlage. Aber man sollte sie produktiv kontrollieren und steuern. Das ist die wichtigste Lektion. Bei grünen Investments gelten alle Regeln, die generell gelten. Prüfen, nüchtern taxieren, Risiken und Chancen erkennen und bewerten – und die Anlage ggfs. meiden, wenn irgend etwas nicht stimmt.

 

Written by lochmaier

Januar 14th, 2014 at 8:20 am

Posted in Uncategorized

In eigener Sache – Plattform um neue Dienstleistungen erweitert

without comments

Dieses Weblog geht nunmehr in das fünfte Jahr seit dem Start im Juni 2009, mit neuen Dienstleistungen für eine Leserschaft, die sich meist professionell und ambitioniert mit dem Thema Banken und Finanzen beschäftigt.

Als kreativer Mix zwischen Fachblog, Brancheninformationsdienst und Meinungsforum für alle, die mehr über die Zukunft der Banken und Finanzbranche wissen möchten, versteht sich Social Banking 2.0. Folgende neu gestalteten Elemente gehören zum maß geschneiderten Dienstleistungsportfolio von Social Banking 2.0:

Erste Säule – Qualitativ hochwertige Gastbeiträge und exklusive Experten-Interviews aus der neuen Bankenszene [sponsored posts],  jenseits von plumper Eigenwerbung und reinem Produktmarketing. Genau dieses spezifische Merkmal macht schließlich den Reiz aus. Eine Liste der in dieser Rubrik bereits veröffentlichten Beiträge finden Sie hier.

Zweite Säule - Innovationszentrifuge:  Sie und Ihr Unternehmen sind innovativ, arbeiten gegen die Massenträgheit an (siehe Definition: Zentrifuge), Sie fahren aber möglicherweise mit Ihren Ideen zu schnell und drohen aus der Kurve zu fliegen? Dann sind Sie in dieser Rubrik genau richtig. Denn ich erstelle individuelle Analysen und Konzepte jenseits von Gefälligkeitsgutachten für alles Neue und Wegweisende, das mit dem Alten manches Mal radikal bricht, oder aber das Bestehende kreativ weiter entwickelt.

Dazu gehören beispielsweise erhellende Whitepaper, wegweisende Strategie- und Innovationskonzepte, mit Blick auf die Bankenwelt, die IT-Branche und alle übrigen, an das Internet angeschlossenen Dienstleistungen. Hier geht es zur neuen Rubrik.

Dritte Säule - Fundiertes Geld- und Börsenwissen. Diese Rubrik richtet sich sowohl an klassische Redaktionen als auch an Spezialistenportale. Ideal ist das Angebot auch für Unternehmensberater sowie die wachsende Szene an „Finanzcoaches“, denen es oftmals selbst an Anregung, Unterstützung und „Supervision“ mangelt.

Kurz: Sie benötigen einen Maßanzug statt Stangenware? Sie suchen eine fundierte Aktienanalyse oder Trendreport? Sie möchten wissen, welche kreativen Wege der Geldanlage es gibt – und welche Voraussetzungen es dazu braucht? Dann finden Sie die neue Rubrik hier.

Mein "Offener Brief an die Commerzbank" wurde viele Tausende Mal angeklickt: Denn er zeigt die große Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit in der hierarchischen Bankenwelt

Gibt es den 360-Grad-Rundum-Blick wirklich?

Vierte Säule – Grüne Gründerlust: Frische Ideen insbesondere von Ökoinvestoren und gestandenen Unternehmen aus der Green (Tech) Economy, aber auch von Startups finden hier reichlich Platz, um sich kreativ auszutoben. Und zwar anhand von individuell gestalteten Insiderreports, lebendigen Reportagen und Hintergrundberichten, die ein ungeschöntes Bild der „grünen Szene“ mit Fokus auf das Geld als kreativer Treibstoff vermitteln, zwischen Lust und manchmal auch etwas Frust, wenn es mit der finanziellen, geistigen oder technischen Energiewende nicht gleich auf Anhieb klappt.

Kontaktieren Sie mich direkt, wenn Ihr Unternehmen zum Beispiel an einer Langzeitbeobachtung teilnehmen möchte, mit relevanten Inneneinsichten in das unternehmerische Geschehen, etwa einmal monatlich über ein ganzes Jahr. Mehr Infos finden Sie auch hier.

Fünfte Säule – Finanzwelt Inside: Hier gibt es detaillierte Einblicke hinter die Black Box namens Bankenwelt. Social Banking 2.0 schaut den Machern dabei einmal genauer über die Schulter und blickt tiefer in die Bücher hinein. Ohne natürlich den Tresor der letzten Firmengeheimnisse zu knacken. Und ich reiche beim Verhandeln zwischen Selters und Prosecco mit Kooperationspartnern nicht den Wein, sondern als kritisch-konstruktiver Zeitzeuge den Kugelschreiber zur Unterschriftsreife (natürlich nur bildlich gesprochen).

Kurz, ich begleite Sie einen Tag lang als Vorstand oder Geschäftsführer eines innovativen Finanzdienstleisters oder einer für neue Ideen aufgeschlossenen Bank bei Ihrer Arbeit – an einem besonderen oder ganz gewöhnlichen Tag – und berichte exklusiv und mit Fingerspitzengefühl über das Gesehene und Geschehene. Ungeschminkt und mit leisen Zwischentönen. Alles weitere dazu finden Sie hier.

Sechste Säule - Abgerundet wird das Dienstleistungsportfolio von Social Banking 2.0 wie bislang durch inspirierende Vorträge und Workshops für In- und Outsider, jenseits von Schwarz-Weiß-Malerei, um kreative Anstöße zu vermitteln. In diesem Jahr scheint so manch einem aus dem Tritt geratenen Finanzmanager besonders das Thema „Co-Creation“ auf den Fingernägeln zu brennen. Keine schlechte Idee, denn längst hat der Kunde auch in der Finanzwelt am Regiepult Platz genommen. Mehr Infos finden Sie hier.

>>> Soweit das um neue Gestaltungselemente erweiterte Angebot von Social Banking 2.0. Zu Konditionen und Rahmenbedingungen sprechen Sie mich bitte am besten direkt an, am besten per email unter: lochmaier(at)socialbanking20.com. Ich freue mich auf Ihre Kontaktaufnahme.

Written by lochmaier

Januar 13th, 2014 at 8:17 am

Posted in Uncategorized

Bananenrepublik auf Kokain: Wer was davon genommen hat

without comments

Heute was in der Gemütslage Vorsicht, bissiger Humor! Denn Berlin ist immer eine Reise wert und man sollte dort mehr als einen Koffer stehen haben. Das dachte sich auch die kolumbianische Drogenmafia, als sie wie üblich den weißen Schnee passend zur hiesigen Jahreszeit ins winterliche Europa verschiffen ließ. Leider landete die Ware verpackt in diverse Bananenkartons auf dem Berliner Gemüsemarkt, wurde von dort weiter gereicht und der eine oder andere Supermarkt staunte nicht schlecht beim Auspacken.

Mehr zu diesem seltsamen Fall lesen in der Berliner Morgenpost:

Drogenfund bei Aldi – Kokain-Schmuggler verloren Kontrolle über Bananenkisten 

Dies führt uns zu der Frage, wer in den letzten Tagen und Wochen bereits  die Kontrolle über sich verloren hat – und von dem weißen Schnee in der hiesigen Bananenrepublik zu viel gekostet hat. Meine Top-3-Kandidaten sind:

Erster Platz: Ronald Pofalla. Wer sich einen neuen Bahn-Vorstandsposten gleich nach dem Abschied aus der Politik einrichten ließ, der muss wohl eine gehörige Prise in die falsche Nase bekommen haben, was ja in besonders erheitertem Zustand zu einer Art Realitätserweiterung führen soll, die so manches ausblendet.

Zweiter Platz: Spiegel online. Der Verlag verdient den zweiten Preis schon allein deshalb, weil die Redakteure ein angebliches Zeugenvideo zum Unfallhergang von Michael Schumacher nicht gleich an die Staatsanwaltschaft weiter gereicht haben (siehe mein letzter Artikel). Auch hier weiß man, dass zu viel weißer Schnee das  Seevermögen einschränkt, in dem Fall besonders krass. Mein Rat: Statt sich als Stechmückenkolonie zu betätigen, könnten die Massenmedien zur Abwechslung auch mal als fleißiger Bienenschwarm in der erweiterten Wertschöpfungskette zusammenarbeiten.

Dritter Platz: Der Ex-BDI-Chef Olaf Henkel hat angekündigt, jetzt als Kandidat für die AfD bei der Europawahl im kommenden Frühjahr antreten zu wollen. Wir wussten es schon immer, wir leben tatsächlich in einer Bananenrepublik, aber auch hier muss er noch eine Prise weißen Schnee dazu geschnupft haben. Denn nur so ist es zu erklären, die Wähler dazu ermuntern zu wollen, eine Versorgungspartei für Professoren und andere Funktionäre aus dem öffentlichen Dienst  wählen zu sollen. Ich dachte immer, der BDI versteht was von Wirtschaft und Finanzen. Bei so viel geistiger Redlichkeit müsste ich mir jetzt fast selbst einen Karton Bananen besorgen.

4. Platz: Ilse Aigner und Horst Seehofer für ihre kreativen Vorschläge zur Energiewende

5. Platz: Die Große Koalition, für einen grandiosen Start ins neue Jahr. Die beste RTL-Reality-Soap des noch jungen Jahres, die mehr als ein kleines Bambi-Rehlein verdient.

6. Platz:    +++ Bitte selbst ergänzen +++

Keine Sorge, ich werde nun die Lesercommunity nicht über die Preisvergabe abstimmen lassen.

Stattdessen vergebe ich lieber den ersten Preis als “Held der Arbeit” an jene spanischen Bauarbeiter, denen ich kürzlich beim Einkaufen auf einem größeren Neubauprojekt bei der Arbeit zugesehen habe. Die Mitarbeiter trotzen jedem Wetter und beklagen sich nicht. Auch brauchen sie kein Koks, um in Stimmung zu kommen.

Denn in der spanischen Heimat gibt es fast keine Baujobs mehr. Also arbeiten sie jetzt an Berlin’s Bauboom weiter. Schließlich sind die spanischen Bauingenieure und Hochtief-Spezialisten weltweit gefragt. Das ist doch mal eine gute Nachricht, schwarz auf weiß. Sagen Sie also nicht, Sie verstehen nur Spanisch, falls einer jener besagten Kartons mit weißem Schnee beim nächsten Aldi-Besuch plötzlich in ihrer privaten Bananenrepublik auftauchen sollte.

Written by lochmaier

Januar 11th, 2014 at 12:40 pm

Posted in Uncategorized

Interview mit Georg Hetz von UDI – Wie viel Rendite und Gewinnmaximierung verträgt die ökologische Geldanlage?

without comments

In meiner ersten Kolumne im neuen Jahr für das Wallstreet Journal sehe ich die Energiewende als große Herausforderung. Aber das Glas ist für Branchenkenner halb voll, nicht leer. Und auch nachhaltige Geldanlagen sind mit gewissen Auf- und Abwärtsbewegungen einerseits im Kommen. Andererseits stehen diese jedoch durch einige schwarze Schafe aus dem grauen Markt immer wieder in der öffentlichen Kritik.

Social Banking 2.0 hat deshalb einmal beim Spezialisten für umweltfreundlicheGeldanlagen UDI in Nürnberg nachgehakt, wo denn in finanzieller Hinsicht die Perspektiven der Green Economy liegen – im komplexen Koordinatensystem zwischen Öko-Crowdfunding, Energiewende, windigen Anlagekonstruktionen sowie überhöhten Preisen für den grünen Strombezug. Das Fazit: Die Energiewende ist auf einem besseren Weg als manche glauben. Andererseits sollte man sich auch bei der grünen Geldanlage wie generell im Leben vor überzogenenen Renditeansprüchen hüten. Aber lesen Sie selbst ausführlich:

Interview [Sponsored Post] mit Georg Hetz, Geschäftsführer der UDI Beratungsgesellschaft mbH – exklusiv für Social Banking 2.0

Social Banking 2.0: Herr Hetz, Ihr Unternehmen gehört zu den etablierten Anbietern im Bereich von Windkraft-, Solar- und Bioenergie-Fonds. Wie nehmen Sie denn den Sektor der nachhaltigen Geldanlage wahr. Welche Bereiche sind im Aufwind, welche eher im Abwärtstrend?

Georg Hetz: Generell bemerke ich seit der Finanzkrise großes Interesse der Anleger, ihr Geld nachhaltig zu investieren. Dazu gehören “Klassiker” wie Wind-, Solar- und Bioenergie-Fonds, aber immer stärker auch Energieffizienzthemen wie Green Buildings. Bei traditionellen Geldanlageformen sind die ethisch/ökologischen Banken im Aufwind, die in den letzten Jahren zweistellige Zuwächse erzielen konnten. In beiden Bereichen sehe ich noch ein großes Potential in den nächsten Jahren.

Social Banking 2.0: Die Diskussion um die unsichere Zukunft der deutschen Energiewende hat sicherlich auch Ihnen als einem Vertreter aus der Szene der Beteiligungsfonds zur ökologischen Geldanlage geschadet. Täuscht dieser Eindruck?

Georg Hetz: Teils, teils. Natürlich herrscht Verunsicherung, gerade hier in Bayern hat beispielsweise Ministerpräsident Seehofer mit seiner “Abstandsregel 2 km” für Windanlagen dafür gesorgt, dass bereits genehmigte Windprojekte nicht umgesetzt werden. Obwohl alle Bürger dafür sind, investiert haben und händeringend auf “ihre Windernte” warten. Nur weil sich Beamte nicht trauen, zu unterschreiben, denn der Landesvater habe ja eine Gesetzesänderung angekündigt … Planungssicherheit sieht anders aus. Erfreulich dagegen die Reaktion unserer Anleger – da haben wir ein “jetzt erst recht, wir lassen uns in der Energiewende nicht beirren!” feststellen dürfen. Gerade weil die Politik “herumeiert”, wollen die Bürger offensichtlich vollendete Tatsachen schaffen.

Social Banking 2.0: An der Rendite und Glaubwürdigkeit dürften vor allem die sinkenden Einspeisevergütungen für Wind-, Solar- und Biogasanlagen nagen?

Georg Hetz: So viel nagt da gar nicht … denn erstens macht die Einspeisevergütung allein nicht die Rendite aus. Vielmehr müssen auch die Kosten der Realisierung und des Betriebs der Ökokraftwerke dagegen gerechnet werden. Da diese gesunken sind, bleibt die Rendite immer noch attraktiv. Zweitens kaufen Unternehmen wie Versicherungen, aber auch Google, gern ans Netz gegangene Ökökraftwerke auf. Hier können Anleger über Investition in der “Anschubphase”, also Finanzierung des Baus und Anschlusses, mit guten Zinsen und kürzeren Laufzeiten partizipieren. Drittens setzen wir bei unseren Projekten nicht ausschließlich auf die Einspeisevergütung. So kommen die meisten aktuellen UDI-Biogasanlagen ganz ohne Einspeisevergütung für Strom aus, weil hier das Biogas (zu Erdgas veredelt) zu Marktpreisen verkauft wird – und das ist sehr lukrativ für die beteiligten Anleger.

Social Banking 2.0: Können Sie den Lesern die veränderte Landkarte anhand der degressiven Einspeisevergütungen für die Erneuerbaren in finanzieller Hinsicht genauer skizzieren. Worauf müssen private Geldanleger sprich Investoren denn besonders achten, wenn Sie auf den Gleichklang zwischen Nachhaltigkeit, Sicherheit und Rendite achten?

Georg Hetz: Hört sich einfach an, wird aber oft über holden Worten und schönen Rendite-Zahlen vergessen: der Anleger soll sich den Anbieter ganz genau anschauen. Wie lange ist er schon am Markt für grüne Geldanlagen, wie ist seine Expertise, wie laufen die bisher aufgelegten Produkte? Wie ist sein Geschäftsmodell – einzelne abgeschlossene Projekte mit getrennten Geldkreisläufen, oder ein großer Topf, aus dem alles finanziert wird und an dem alles hängt? Ein gutes Indiz ist auch: Gibt es Fremdfinanzierung, sprich sind Banken beteiligt? Das kann man von einer durch die Banken durchgeführten Risiko- und Bonitätsprüfung ausgehen.

Gibt es eine Risikostreuung oder wird alles auf eine Karte, auf ein Großprojekt gesetzt? Ist die versprochene Rendite realistisch – mehr als 10 % p.a. sind beispielsweise derzeit nur mit unverhältnismäßig hohem Risiko zu erzielen …

Social Banking 2.0: Die Zuständigkeit für die Energiewende wandert politisch nach dem Start der großen Regierungskoalition noch stärker vom Bereich Umwelt in das Ressort Wirtschaft. Wie beurteilen Sie die aktuelle Gemengelage, mit Blick auf die nächsten Monate und Jahre, die in Deutschland mit dem möglicherweise leicht gebremsten Ausbau der Wind- und Sonnenenergie vor uns liegen?

Georg Hetz: Weiterhin positiv. Gabriel hat als ehemaliger Umweltminister (erinnert sich noch jemand an seine Fotos als Knuts Patenonkel?) ja selbst am EEG und der Energiewende mitgestrickt. Als ehemaliger Minsterpräsident Niedersachsens stammt er aus einem sehr Windkraftanlagen-starken Bundesland. Und er setzte gleich ein Zeichen, in dem er einen Grünen, Rainer Baake, als seinen Staatsskretär holte. Es ist richtig, das sind derzeit alles noch Indizien, aber ich bin davon überzeugt, dass dadurch die Energiewende an Fahrt aufnehmen wird.

Social Banking 2.0: Anders gefragt: Glauben Sie angesichts der hohen Strompreise hierzulande weiterhin an den Erfolg der Energiewende made in Germany, bis hin zu einem Exporterfolg in andere Länder?

Georg Hetz: Ja, ohne Wenn und Aber. Ein solches Jahrhundertprojekt wie die Energiewende gibt es nicht kostenlos. Der Anstieg der Strompreise hat aber auch andere Gründe, die scheinbar vergessen werden. Ich sage Ihnen: wenn die Förderung der Erneuerbaren, genauso wie Kohle und Atomkraft, über ein Abzwacken der Steuergelder geschähe statt offen ausgewiesen über die Stromrechnung, hätten wir diese ganze Diskussion nicht! Das muss man den Menschen draußen einfach deutlich machen. Außerdem: welche Alternative haben wir denn? Fossile Energierohstoffe werden nicht billiger, sind endlich und machen uns als Importland erpreßbar …

Social Banking 2.0: Neuerdings widmet sich UDI auch dem Bereich der „grünen Immobilien“. Lässt sich hier mit Blick auf das ökologische Bauen und die Gebäude-Energieeffizienz tatsächlich auch aus Anlegersicht gutes Geld verdienen, wo doch staatliche Förderprogramme und gezielte Anreize zur energetischen Sanierung derzeit kaum in Sichtweite sind?

Georg Hetz: Unsere Überzeugung: Grüne Projekte sollen sich auf lange Sicht ohne staatliche Förderung oder Anreize rechnen. Unser erstes Green Building war für die Anleger auch ohne Zusatzvergütung interessant – allein die Attraktivität für Mieter, die mit extrem günstigen Mietnebenkosten rechnen können, das Konzept eines fast energieautarken Bürogebäudes sowie die solide kalkulierten Mieteinnahmen brachten ein rundes Investitionsangebot.

Social Banking 2.0: Kommen wir zur Bürgeranleihe Westküstenleitung. Der in Deutschland federführende Netzbetreiber Tennet ist kürzlich mit einem ersten Pilotvorhaben grandios gescheitert, um aus betroffenen Anwohnern der neu gebauten Netztrasse aktive Beteiligte zu machen. Die meisten Menschen sahen in der Bürgeranleihe aber kein echtes partizipatives Instrument, sondern eher eine windige Anlagekonstruktion, die einseitig dem Image und Vorteil des Initiators zugute kam. Im kommenden Jahr will nun der regionale Energieversorger EWE ein neues Experiment starten. Wie müsste denn Ihrer Auffassung nach ein Fondskonstrukt zur grünen Bürgerbeteiligung handwerklich solide ausgestaltet sein, das fair, transparent und allen Seiten dienlich wäre?

Georg Hetz: Um derartige Angebote beim Anleger zu platzieren, ist nicht alleine die Rendite ausschlaggebend, denn die war mit 5% ja recht passabel. Viel wichtiger ist es doch, den Menschen zu sagen, was sie damit finanzieren bzw. wie sich damit diese Renditen erwirtschaften lassen. Fakt ist doch: Durch die neuen Leitungen fließt z.B. Windstrom aus den Offshore-Windkraftanlagen von der Nordsee nach Süddeutschland. Für die Nutzung dieser Leitung erhebt der Eigentümer der Leitungen eine festgesetzte Gebühr – und daraus erfolgen die Erträge für die Anleger. Das ist doch eigentlich ganz einfach. Es muss aber erklärt werden. Dann werden derartige Anlagen Erfolg haben.

Social Banking 2.0: Wenn es vor Ort unter den Beteiligten zu Streit kommt, ob sich diese oder jene Wind- oder Solaranlage lohnt oder nicht, wie würden Sie persönlich den Prozess der transparenten Bürgerbeteiligung erfolgreich moderieren?

Georg Hetz: Man muss den Menschen deutlich machen, dass wir nur mit einem Mix der Erneuerbaren Energien eine Rund-um-die-Uhr-Versorgung sicherstellen können. Ich möchte das an einem Beispiel deutlich machen: Tagsüber produzieren z.B. Solaranlagen bei klarem Wetter große Mengen Strom, die mangels günstiger Speichermöglichkeiten sofort verbraucht werden müssen. Sobald es dunkel wird, gehen die Solaranlagen logischerweise aus dem Netz. An ihre Stelle können z.B. Windkraftanlagen treten, die den vor Ort produzierten Strom in den Nachtstunden sicherstellen. Da beide genannten Nutzungsarten je nach Sonnen- oder Windstärke in ihrer Produktionsmenge schwanken können, braucht man Biogasanlagen, die in der Lage sind, rund um die Uhr Strom – und zusätzlich Wärme – produzieren zu können. Das ist jetzt zwar sehr vereinfacht dargestellt, aber so funktioniert die flächendeckende Versorgung mit den neuen Energien nun einmal. Wer das verstanden hat, diskutiert nicht mehr über den Sinn der EE-Anlagen vor Ort. Denn es lohnt sich immer, wenn möglichst viele EE-Anlagen die in der Region benötigte Energie erzeugen.

Social Banking 2.0: Im Netz haben sich bereits einige ausschließlich auf den Ökosektor spezialisierte Plattformen etabliert, die per Crowdfunding für spezifische Projekte der Erneuerbaren oder Energieeffizienz über die Schwarmintelligenz der Vielen Geld einsammeln. Was halten Sie grundsätzlich von der Idee und dem Konzept?

Georg Hetz: Die Idee halte ich grundsätzlich für gut. Im Prinzip macht UDI das ja seit 1998: Gelder bei Anlegern sammeln, um damit konkrete Ökoprojekte zu realisieren bzw. realisieren zu lassen. Beim Konzept muss man da schon eher differenzieren: denn zur Umsetzung, allein zur Beurteilung, ob ein Ökoprojekt realistisch geplant ist – dazu gehört schon viel Knowhow, nicht nur Enthusiasmus und guter Wille. Und das Stemmen solcher Finanzierungen ist auch nicht ohne: Vertragswerk, Mittelverwendungskontrolle usw…..

Social Banking 2.0: Anders gefragt: Wie seriös schätzen Sie denn den Markt für das Öko-Crowdfunding ein, denn genauer betrachtet handelt es sich ja um Firmenbeteiligungen, also um Crowdinvesting, mit allen damit verbundenen Chancen und Risiken, die solche eine Projektfinanzierung mit sich bringt?

Georg Hetz: Das ist extrem schwierig zu beurteilen, vor allem nicht über einen Kamm zu scheren. Schwarze Schafe gibt es überall, sei es aus Vorsatz, sei es aus gut gemeinter Unerfahrenheit …

Social Banking 2.0: Sind denn partiarische Darlehen und Genussscheine grundsätzlich das richtige Mittel, um Projekte aus der dezentralen Energiewende seriös zu finanzieren?

Georg Hetz: Warum nicht? In Verbindung mit einer klassischen Bankfinazierung sind diese beiden Anlagearten doch gut aufgestellt: Während der ersten Jahre, in denen die Bankkredite getilgt werden, sind die Erträge aus dieser Anlage immer noch deutlich höher als bei klassischen Bankanlageprodukten. Und sobald die Kredite zurückgezahlt sind, bleibt für die Anleger sogar eine höhere Rendite übrig. Das spricht doch eindeutig für diese Produkte.

Social Banking 2.0: Immer wieder kritisieren Experten, der Anlegerschutz bei zahlreichen grünen Fondsprodukten lasse zu wünschen übrig. Eine Kritik, der sich etwa neben einigem Zuspruch auch die UDI immer wieder zu stellen hat. Was entgegen Sie solch kritischen Einwänden, die sich etwa an die die unsichere Projektentwicklung allgemein richten, aber auch auf die fehlende Mittelverwendungskontrolle, von der unsicheren Einspeisevergütung einmal abgesehen?

Georg Hetz: Gegenfrage: Und was ist mit Aktien? Da haben Sie doch ähnliche Risiken. Und noch dazu den menschenverachtenden Aspekt, dass in der Regel der Kurs steigt, wenn Personaleinsparungen angekündigt sind. Ich kann nicht für alle Anbieter grüner Fonds sprechen, sondern für UDI. In unseren Prospekten stehen ausführlich alle Risiken, die mit der Geldanlage verbunden sind, aufgelistet. Nicht in 6-Punkt-Schrift, sondern groß und im eigenen Kapitel. Jeder Anleger erhält vor Zeichnung den Prospekt – das ist bei uns als Direktvertrieb systemimmanent. Und hat ausreichend Zeit, ihn zu lesen. Bei uns gibt es immer einen Mittelverwendungskontrolleur. Und wieso “unsichere Einspeisevergütung”? Einmal gewährt, gilt sie für 20 Jahre. Unsicher ist bestenfalls, ob genug Wind weht …

Anleger, die sich informieren und die ihnen überlassenen Informationen auch lesen, werden bei überschaubarem Risiko mit guten Renditen belohnt. Was ich nicht gutheiße: wenn Verbraucherschützer immer wieder sagen “Risiko Totalverlust, keine Hinweise darauf” – einerseits wird die Selbstverantwortung des mündigen Anlegers gefordert, andererseits soll er aber auch wie ein unmündiges Kleinkind behandelt werden. Und die Finanzanlagenvermittlerverordnung und AIFM, eigentlich gut gemeint, haben jetzt noch mehr zur Verunsicherung der Anleger beigetragen. Immer mehr Papierwust, mit immer mehr Wiederholungen – das ermüdet den Leser. Folge: Er vertraut “seinem” Berater, der sagt “passt schon”. Lehman lässt grüßen.

Social Banking 2.0: Auf welche intelligenten, profitablen und gleichzeitig kundenfreundlichen Produkte setzt UDI denn künftig, angesichts von zahlreichen Unbekannten in der Energieroadmap auf europäischer Ebene zwischen Atom- und Kohlelobby sowie der mittlerweile nicht minder einflussreichen Branche der Erneuerbaren?

Georg Hetz: Solange das deutsche EEG gilt, können wir uns darauf verlassen, dass die dort genannten Konditionen für die ersten 20 Jahre gesichert sind. Gleiches gilt für Anlagen, die bereits am Netz sind, aber der bisherige Eigentümer sich von diesem Investment trennen will. Hier können wir aufgrund der bisherigen Einspeiseergebnisse sehr gut feststellen, welche Erträge an dem jeweiligen Standort langfristig zu erzielen sind. Und daran orientiert sich der Kaufpreis, den wir bezahlen können und wollen. Von daher sind die Erträge für die Anleger gut kalkulierbar.

Social Banking 2.0: Wie schätzen Sie die weitere Entwicklung der in den letzten Jahren deutlich gewachsenen lokalen Energiegenossenschaften ein. Haben diese eine Chance, sich als wichtige Säule einer immer dezentraler aufgestellten Energiewende zu etablieren oder wäre dieser Anspruch zu hoch gegriffen?

Georg Hetz: Diese Energiegenossenschaften tragen einen Gutteil zur Akzeptanz der Energiewende bei. Von daher bin ich davon überzeugt, dass sich diese Form der Bürgerbeteiligung langfristig durchsetzen wird. Letztendlich ist das Modell, das wir seit Jahren zur Beteiligung anbieten, auf einem ähnlichen Konzept aufgebaut.

Social Banking 2.0: Wie investieren Sie denn Ihr privates Geld, stecken Sie es auch in ökologische Projekte oder lassen Sie es lieber konventionell „für sich“ arbeiten?

Georg Hetz: Ich bin ja viele Jahre Banker gewesen, das streift man nicht ab. Natürlich habe ich einen gewissen Betrag auf dem Tagesgeldkonto. Daneben besitze ich seit Jahren ein “grünes” Haus (nebenbei bemerkt mit Blockheizkraftwerk). Viel steckt auch in ökologischen Projekten, da habe ich – wie viele andere auch – in den Anfangsjahren Lehrgeld gezahlt. Inzwischen bevorzuge ich privat auch eine ausgewogene Mischung aus Festzinsanlagen und geschlossenen Fonds, in verschiedene EE und grüne Immobilien. Wobei meine heimliche Leidenschaft Wind bleibt …

Social Banking 2.0: Und noch ein Ausblick: Wo sehen Sie die Energiewende in drei bis fünf Jahren, wird sie erfolgreich sein, und falls ja, auf welchen Fundamenten wird sie letzten Endes beruhen, falls es gelingt, die immer noch unversöhnlichen Lager der klassischen Atom- und Kohleproduzenten mit der aufstrebenden Branche der Erneuerbaren erfolgreich zu versöhnen?

Georg Hetz: Die Energiewende ist doch heute schon erfolgreich! Gut 25 % des Strombedarfs werden aus Erneuerbaren Energien gedeckt. Das ist weit mehr als der Anteil Atomstrom! Wichtig ist zum einen die Lösung der Speicherproblematik, zum anderen der industrielle Umstieg – weg vom Fast-Monopol vier großer Energiekonzerne hin zu einem Oligopol vieler Energieversorger. Auch die vier großen Energiekonzerne haben erkannt, dass es nicht mehr wie früher weitergeht, und stellen sich – bedingt durch ihre schiere Größe – langsam um. Aber an den Erneuerbaren statt fossilen Energieträgern führt kein Weg vorbei.

Interview: Lothar Lochmaier

Written by lochmaier

Januar 9th, 2014 at 8:45 am

Posted in Uncategorized

Der Schumacher-Unfall und der Totalausfall von Spiegel online

with one comment

Normalerweise schreibe ich hier über Finanzthemen. Heute aber, da ich zufälligerweise in die Live-Fernseh-Übertragung der Pressekonferenz der französischen Staatsanwaltschaft hinein gestolpert bin, ein exotisches Thema. Der Skiunfall von Michael Schumacher. Er verdeutlicht auch das Versagen der Massenmedien. Denn nach meiner Lesart ist Spiegel online beim Präsentieren eines angeblichen Zeugenvideos, das ein Flugbegleiter aus Essen zufällig aufgenommen haben soll, entweder einem Fake aufgesessen. Oder aber, was die Sache kaum besser macht, das Video ist bislang gar nicht an die französische Staatsanwaltschaft weiter gereicht worden, was zur Aufklärung allerdings sinnvoll, wenn nicht sogar notwendig gewesen wäre.

Schon gestern habe ich mal kurz aus rein privater Neugier recherchiert, um den Hintergrund dieses angeblichen Zeugenvideos genauer zu eruieren. Jedenfalls hat Spiegel in seiner aktuellen Printausgabe vorab darüber berichtet, dass es einen Zeugen dafür gebe. Am 04.01.2013 jedenfalls publizierte Spiegel online unter der Überschrift:

Skiunfall in Meribel: Deutscher Zeuge filmte zufällig Schumachers Sturz.

Demnach befand sich einn 35-jähriger Flugbegleiter nur wenige Meter vom Unglücksort entfernt – und zufällig hat er neben seiner Freundin mit dem Smartphone dann auch noch den Unfall im Hintergrund mitgefilmt. So weit so gut.

Dann habe ich mich zum einen gefragt, wieviel Geld Spiegel online dem mutmaßlichen Zeugen dafür bezahlt, zunächst wohl exklusiv in den Besitz dieses Filmmaterials zu gelangen. Vielleicht ist hier auch exklusiv bereits Geld geflossen. Denn der einfachste Gang wäre gewesen, das Bildmaterial gleich direkt an die Staatsanwaltschaft zu übergeben. Das ist aber bislang nicht geschehen, jedenfalls deutete dies der leitende Staatsanwalt heute früh in der Pressekonferenz an, dass kein derartiges Video vorliege – und man auch sonst skeptisch sei, was dessen Aussagekraft anginge.

Vorausgesetzt, das Video des Flugbegleiters ist echt und es zeigt tatsächlich den Tathergang im Hintergrund, dann wäre dies kaum besser. Denn das Bilddokument müsste dann unverzüglich und ohne Zögern der Staatsanwaltschaft zur Verfügung gestellt werden. So aber war die heutige Pressekonferenz praktisch überflüssig. Nein, nicht ganz, denn sie verdeutlicht wieder einmal, wie sehr die Massenmedien auf Effekthascherei statt Aufklärung und Partizipation ausgerichtet sind.

Die Macher von Spiegel online scheinen hier wohl auf den großen Coup zu hoffen, wenn sie das Zeugenvideo demnächst exklusiv auf Spiegel online präsentieren dürfen, angereichert mit viel Werbung und Tam-Tam. Wie wäre es stattdessen mit einer praktischen Hilfeleistung gewesen, um wenigstens die Ermittlungen zeitnah vorwärts zu bringen? Auf den großen Enthüllungsjournalismus kann man in diesem Fall sowieso verzichten. Die Faktenlage ist recht klar.

Denn ohnehin dürfte eindeutig sein, dass Michael Schumacher auf eigenes Risiko gehandelt hat, als er die offizielle Piste verlassen hat. Die Frage der Geschwindigkeit ist da völlig nebensächlich. Ein anderes Tempo wäre aber in den Massenmedien wie Spiegel online sehr wohl anzuraten. Offenbar hat man sich in dem Verlagshaus nach interner rechtlicher Beratung entschieden, mit dem Zurückhalten des Zeugenvideos genau so und nicht anders vorzugehen. Und so darf die Öffentlichkeit jetzt gespannt in Richtung Waterkant blicken, ob dort der große Mediencoup gelingen mag, der nichts anderes ist als ein medialer Rohrkrepierer, der wieder an den eigenen Absender zurück geschickt werden sollte.

 

 

 

Written by lochmaier

Januar 8th, 2014 at 11:13 am

Posted in Uncategorized